Thesenpapier 1
Weshalb man die Zukunft zwar nicht vorhersehen, aber dafür gestalten kann

Zukunftsoffenheit: Zwischen Utopie und Paradies einerseits sowie Apokalypse und Dystopie andererseits
Politische Macht kommt (gemäß Mao Tse-tung) einerseits als Strategie der Hard Power aus den Läufen der Gewehre und andererseits als Strategie der Soft Power aus den Agenturen der Propaganda. Die erste herrscht über den Lebensraum, die zweite über den Informationsraum. Die erste erzwingt physisch Unterwerfung und Gefolgschaft, die zweite manipuliert psychisch zu Unterwerfung und Mitläufertum. Insbesondere sich demokratisch dünkende Machtsysteme setzen zur Herrschaftslegitimation (noch) auf den geistig- sowie psychologisch-informationellen Krieg um die Gehirne – und gegen die eigenen Bevölkerungen.
Das »magische Dreieck« der Soft Power – Propaganda, Kontrolle und Zensur – setzen die parteipolitischen Klassen der repräsentativen Demokratien ein, da sie entweder keine Antworten mehr auf die von ihnen selbst verursachten Krisen haben. Oder, da sie ein von obskuren Auftraggebern befohlenes Zerstörungswerk umsetzen, dessen Masterminds unsichtbar bleiben sollen. Da sie einschließlich ihrer Putztruppen des urban-akademischen Lumpenproletariats ansatzweise ahnen, nichts mehr zum Wohle der Menschen beitragen zu können, es vielleicht auch nicht mehr wollen, verleugnen sie die Realitäten. Es wird nur noch zensurmanipulativ versucht – um an Gottfried Benns Aperçu (aus Weinhaus Wolf) zu erinnern – »[durch] Propaganda (…) Exkremente in Maiglöckchen [zu] verwandeln«. Was nicht gutgehen kann. Doch nichts zeigt deutlicher, dass dieser ausschließlich ideologie- und machtgetriebenen Klasse nicht nur jeder Charakter fehlt, sondern dass ihr und ihren weisungsgebenden Prinzipalen, Führungsoffizieren und Spindoctors längst die Gedanken und Ideen ausgegangen sind. Jedenfalls die guten … Es ist Zeit, dass andere endlich die Ideen für eine bessere Zukunft ersinnen.
SOUVERÆN: Das Undenkbare denken. Und schreiben

Die meisten Menschen kennen – zumindest ansatzweise – die Vergangenheit, jedenfalls ihre eigene. Sie leben in der Gegenwart, und kommen darin mehr oder weniger gut zurecht. Doch was sie – seit allen Zeiten – wirklich interessiert – und sowohl fasziniert als auch ängstigt, das ist die nähere und fernere Zukunft.
Doch die Zukunft ist volatil, einfach da, und meistens unberechenbar. Einerseits ist sie von langweiliger Routine geprägt. Denn die nächste und nahe Zukunft ist nicht viel anders als das Heute. Und größtenteils auch das Gestern. Wenn man sich etwa innerhalb des Zeitraums einer Dekade zurückerinnert. Und dennoch kann die Welt morgen früh schon ganz anders aussehen als die Welt heute Abend. Aus dieser Ungewissheit rühren Reiz und Neugier, das Morgen und Übermorgen vorhersehen zu wollen. Sie sind seit den Zeiten des Orakels von Delphi oder der etruskischen und römischen Haruspices stets übermächtig gewesen. Zu allen Zeiten hielten sich Herrscher Astrologen und Hellseher, um entweder ihre Rivalen zu übervorteilen oder, um bessere Entscheidungen zu treffen.
Prinzipiell weiß der Mensch nichts über die Zukunft. Wie schnell sich die Dinge ändern können, zeigten in letzter Zeit beispielsweise der unvorhergesehene Sturz Assads in Syrien Anfang Dezember 2024. Niemand hatte offensichtlich erwartet, dass sein Regime so schnell stürzen könne. Auch den Sieg der afghanischen Taliban am 15. August 2021, dem der überstürzte Abzug der NATO folgte, hatte angeblich niemand auf der Rechnung. Selbst die Geheimdienste nicht, wenn man ihren Äußerungen vertraut. Dasselbe hieß es hinsichtlich der russischen Invasion der Ukraine am Morgen des 24. Februar 2022. So gibt es stets Überraschungen in der Zukunft, die man überhaupt nicht prognostizieren kann oder prognostiziert hat. Nicht umsonst wurde Nassim Taleb die Metapher der schwarzen Schwäne für gänzlich unerwartete Ereignisse eingeführt.
Auch wenn jeder Mensch gerne über die Zukunft verfügen würde und sich vorstellt, wie die Dinge in einem, in fünf oder in zehn Jahren sein werden, sind sie doch hoch kontingent. Das heißt, all diese Dinge sind möglich, aber sie sind nicht notwendig. Der große Philosoph des kritischen Rationalismus, Karl R. Popper, stellte ernüchtert fest, dass wir nur die nächste und die fernste Zukunft einigermaßen sicher vorhersagen können: die allernächste Zukunft werde wahrscheinlich so ähnlich sein wie die Gegenwart, und die fernste Zukunft ist das Ende von allem. Was dazwischen liegt, ist das, was uns eigentlich interessiert, und das lässt sich nun gerade kaum vorhersagen.
Um sich dennoch dem Kommenden anzunähern, wurden in der Trend- und Zukunftsforschung die unterschiedlichsten Methoden und Werkzeuge zur Analyse, Interpretation und Prognose von gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklungen ersonnen. Viele davon sind jedoch ideologisch kontaminiert. Wenn der politisch-ideologische Wunsch, bei gleichzeitiger Missachtung der erfahrenen und wahrnehmbaren Wirklichkeit, der Vater des Gedankens ist, wird das zwangsläufig zu falschen Ergebnissen führen. Beste, negative Beispiele hierfür sind die Vorhersagen zum Klimawandel.
Das Klima ist, nach Definition der World Meteorological Organization (WMO) der in der Regel über einen Zeitraum von 30 Jahren gemessene Durchschnittszustand des Wetters (als physikalischer Zustand der Atmosphäre) an einem bestimmten Ort – etwa in Bezug auf Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftdruck und Bewölkung. Das Wettergeschehen ist chaotisch nicht-linear. Das bedeutet, dass kleine Unterschiede in den Anfangsbedingungen zu völlig unterschiedlichen Wetterverläufen führen können. Zwar sind Wettervorhersagen in der Kurzfristprognose (z.B. für die nächsten 24 bis 72 Stunden) in der Regel zuverlässig – moderne Modelle und umfangreiche Daten ermöglichen oft eine Genauigkeit von 80 bis 90 Prozent bei wichtigen Parametern wie Temperatur und Niederschlag. Doch mit zunehmendem Vorhersagezeitraum (mittelfristig oder langfristig) steigt die Unsicherheit aufgrund der chaotisch nicht-linearen Dynamik der Atmosphäre. Das bedeutet, dass Prognosen für Zeiträume von mehreren Tagen bis Wochen weniger präzise werden und vor allem extreme oder kleine Wettereignisse schwer vorherzusagen sind. »Der Hauptantrieb des Klimasystems der Erde ist die eintreffende Sonnenstrahlung« (Deutscher Wetterdienst).
Statt aus den Eingeweiden von Opfertieren Weissagen zu treffen oder im Kaffeesatz zu lesen, sollte man die Gestaltung der Zukunft selbst in die Hand nehmen, lautet ein vernünftiger Ansatz. »Die beste Methode die Zukunft vorherzusagen«, schlug der US-amerikanische Informatiker Alan Curtis Kay vor, bestehe darin, sie zu erfinden. In die gleiche Kerbe schlug der US-Ökonom Peter F. Drucker. Der einflussreiche Pionier der modernen Managementlehre (z.B. »Management by Objectives«) meinte: »Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selbst zu kreieren.«
Doch das gelingt nur selten im Sinne überspannter Ideologen mit Gotteswahn. Denn was nachweislich nicht funktioniert, wie zahlreiche misslungene Gesellschafts- und Politexperimente bis in die Gegenwart hinein oft blutig zeigten, das sind ausgedachte, am zerebralen Reißbrett entworfene komplexe Konstruktionen, Utopien jeder Art: das Utopia des Thomas Morus, die Idee des idealen Sonnenstaats eines Tommaso Campanella, die Utopien des Kommunismus und Sozialismus, Planwirtschaft, das Ökotopia von Ernest Callenbach und die große Transformation eines Robert Habeck sowie der Great Reset des Klaus Schwab. Nichts davon funktionierte, funktioniert oder wird je funktionieren. So wichtig und nötig diese Gedankenexperimente auch sind – als Science-Fiction-Romane, so eindringlich hat auch kein geringerer als Karl Popper darauf verwiesen, dass sie jeweils aus logischen Gründen zum Scheitern verurteilt sind.
Wieder war es Karl Popper, der darauf verwies, dass, wer eine Utopie anstrebt, immer ein Experiment im Großen macht, ein Experiment mit ungewissem Ausgang und – ein Experiment mit Menschen. Er zeigte, weshalb solche Menschenexperimente nie gelingen können:
1. Komplexe Dinge kann man nicht konstruieren.
2. Wir wissen nie im Voraus sämtliche Folgen, die unser Handeln haben kann.
3. Das Wissen von morgen können wir nicht schon heute haben.
»Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird«
Popper weist in (1) auf die Selbstverständlichkeit hin, dass sich sowohl geistig als auch materiell komplexe Dinge nicht jäh und abrupt, sondern erst über lange, sich oft über Jahrhunderte (oder Jahrtausende) erstreckende Zeiträume, evolutionär entwickelten. Ob technisch »einfache Gegenstände« wie ein Kühlschrank, ein Radio, ein Überschallflugzeug, eine Weltraumstation oder aufwändigere, etwa eine Sprache, Staatsverfassungen, eine Wirtschafts- oder Gesellschaftsordnung: Es ist noch keinem gelungen, von solchen Dingen einfach auf dem Reißbrett einen Plan zu entwerfen und dann in einem einzigen Schritt, in einem einzigen gelungenen Wurf, fehlerfrei fertigzustellen. Jede Komplexität ist an mannigfache Vorbedingungen geknüpft und kann immer nur in evolutionären Prozessen von Konstruktion und Fehlerkritik, Versuch und Irrtum, realisiert werden. So ist es denkunmöglich, dass ein Römer, etwa des 2. Jahrhunderts hätte laut Heureka! rufend, beschließen können, die Concorde zu bauen. Dazu hätten ihm alle notwendigen Grundlagen gefehlt. Grundlagen wie die Gesetze der Klassischen Mechanik (Newtonsche Gesetze), Energieerhaltungssatz, Aerodynamik, Hydraulik, Werkstofftechnik, Antrieb (Motor, Triebwerk, Treibstoff), Navigation, Anzeigeinstrumente, Avionik usw. Das Gleiche gilt auch für politische Großkonstruktionen (Sozialismus, Energiewende, Great Reset). Daher sollte es ein Grundsatz sein, forderte Popper, Pläne immer dann, wenn sehr viele Menschen davon betroffen sind, wenn »Menschenleben oder das Glück der Menschen gefährdet werden«, möglichst nur in kleinen, notfalls umkehrbaren Schritten vorzunehmen und nie Experimente im Großen zu wagen.
Kraftwerke stillzulegen und unwiderruflich zu zerstören, ohne angemessen funktionierenden Ersatz zu haben, ist gemeingefährliches Glücksrittertum, aber keine verantwortungsbewusste Politik. Dasselbe gilt, für eine bestenfalls theoretisch vorhandene Wasserstofftechnologie die Infrastruktur einer bewährten Technologie, z.B. das sich über mehr als 600.000 Kilometer erstreckende deutsche Erdgasnetz aus dem Boden zu reißen. Ebenso verbrecherisch und von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind die Pläne ideologisch verblendeter Sozialingenieure, homogene Gesellschaften in Multiminderheitengesellschaften zerspalten zu wollen. Sie nennen es dann Diversität, »bunt statt braun« usw. Sozialingenieure, wie der in Deutschland geborene polnischstämmige Politikwissenschaftler mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft, Yascha Mounk. Er und seinesgleichen redeten und reden unaufhörlich einer vorsätzlichen Heterogenisierung traditionaler Gesellschaften das Wort. Bekannt ist sein Interview in den ARD-Tagesthemen vom 20.02.2018 und sein Versprechen, »(…) dass wir hier ein historisch einzigartiges Experiment wagen und zwar eine monoethische, monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, es wird glaube ich auch klappen, aber dabei kommt es natürlich auch zu vielen Verwerfungen.« Angesichts der Popper’schen Maximen eine genozidale Forderung. Der SDS- und APO-Aktivist sowie spätere Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit ahnte schon 1991: »Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von beträchtlichen sozialen Ungleichgewichten geprägt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer; sie hat die Tendenz, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzubüßen« (DIE ZEIT Nr. 48/1991, 22.11.1991).
Weder trivial und auch mehr als Binsenweisheiten sind die Punkte (2) und (3). Die Lebenspraxis zeigt, dass bestenfalls vom Dunning-Kruger-Effekt befallene Menschen glauben können, vollständig zu wissen, was sie tun. Darüber hinaus muss derjenige, der die Zukunft plant, Prognosen wagen, aber er kann unmöglich zukünftiges Wissen vorhersagen, und so muss er in seinem Plan das heutige, unvollständige und vorübergehende Wissen festschreiben.
Utopien müssen, soweit sie sich über diese drei Sätze hinwegzusetzen versuchen – und das ist leider meistens der Fall – als waghalsige Großexperimente mit Menschenleben angesehen werden, deren Ausgang niemand vorhersagen kann.
Verschärft wird dieses hohe politische Risiko durch den Umstand, dass man nicht gleich, sondern erst sehr spät sehen wird, ob man das Richtige getan hat, nämlich erst in ferner Zukunft, eventuell erst nach einigen Generationen.
Aus dieser Utopie- bzw. Ideologiekritik folgerte Popper: »Das Elend ist konkret, die Utopie abstrakt.« Und: »Keine Generation darf zugunsten zukünftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird. (…)« Jede Generation habe den gleichen Anspruch auf ein erträgliches Leben, und da wir immer irren können, könne es leicht sein, dass die Utopisten einer Generation Lasten aufzwängen oder sogar Menschen opferten, ohne dass es der nachfolgenden Generation dann tatsächlich besser ginge.
Trend- und Zukunftsforschung sind interdisziplinär und kombinieren Erkenntnisse aus der Geschichte, der Soziologie und Politikwissenschaft, aus Ökonomie, Technologie, Ökologie, Psychologie und Massenkommunikation. Auf dieser Grundlage erstellt »SOUVERÆN/Infodienst.info« realitätsbezogene Zukunfts-Einschätzungen sowie insbesondere mögliche, notwendige Zukunftsszenarien (z.B. optimistisch, pessimistisch, Status quo) für Deutschland und Europa.
Abschließend gilt: Trend- und Zukunftsforschung sind keine exakten Wissenschaften, sondern Disziplinen, die Unsicherheiten und Komplexitäten in möglichen Entwicklungen analysieren und Zukunftsszenarien entwerfen. Sie bieten keine absoluten Sicherheiten, sondern Grundlagen, um Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Sie sind am zuverlässigsten, wenn sie als Werkzeuge zur Erkennung von Möglichkeiten, Risiken und Chancen genutzt werden, statt als exakte Vorhersagen der Zukunft. Die größte Stärke sollte in der Fähigkeit liegen, Menschen und Organisationen auf verschiedene Szenarien vorzubereiten und deren strategische Resilienz zu fördern.

Quellennachweis:
Hans-Joachim Niemann (Bamberg), Die Utopiekritik bei Karl Popper und Hans Albert, aus: Aufklärung und Kritik Nr. 1, S. 57-64, Nürnberg 1994, (Gesellschaft für kritische Philosophie)
Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen; 5., verbesserte Auflage, 1979