Globale Katastrophen: Wo die Welt am widerstandsfähigsten ist

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Wohin, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Eine internationale Metastudie hat erstmals zusammengetragen, welche Länder globalen Katastrophen am besten trotzen würden. Die Antwort ist unbequem: Eine perfekte Zuflucht gibt es nicht. Aber es gibt Eigenschaften, die über Leben und Tod ganzer Gesellschaften entscheiden können – und viele davon lassen sich beeinflussen.

Zusammenfassung: Ein Atomkrieg, dessen Ruß den Himmel verdunkelt. Ein Sonnensturm, der Stromnetze über Kontinente hinweg lahmlegt. Eine Pandemie, weit tödlicher als Covid-19. Solche globalen Katastrophen könnten innerhalb weniger Monate oder Jahre einen großen Teil der Menschheit das Leben kosten. Ein internationales Forschungsteam um Florian Ulrich Jehn (FernUniversität Hagen) hat nun auf der Grundlage von 152 Fachpublikationen erstmals zusammengetragen, welche Regionen ihnen am besten standhalten würden.

Das Ergebnis passt in einen Satz: Einen sicheren Ort für alle Szenarien gibt es nicht. Am häufigsten als widerstandsfähig genannt wird Australien. Es liegt auf der Südhalbkugel und fernab der Atommächte, hatte seit dem Ende der letzten Eiszeit keinen Vulkanausbruch, produziert reichlich Nahrung und kann seine Grenzen schließen. Dahinter folgen Neuseeland, Japan, die Schweiz und Argentinien; auch Uruguay schneidet gut ab, ist aber kaum untersucht. Doch jedes Land hat Schwachstellen: Neuseeland aktive Vulkane und wenig Industrie, Japan eine hohe Abhängigkeit vom Handel. Selbst Australien bliebe auf importierten Treibstoff, Medikamente und Dünger angewiesen.

Vier Faktoren tauchen in der Literatur immer wieder auf: geografische Abgeschiedenheit, Selbstversorgung mit Lebensmitteln, gute Regierungsführung – demokratisch, wenig korrupt, mit geringer Ungleichheit – und dezentrale Strukturen ohne einzelne Schwachstelle. Viele davon widersprechen sich. Eine Insel kann sich gegen Viren abschotten, ist aber nach einem Netzzusammenbruch auf sich allein gestellt. Wie wirksam Abschottung sein kann, zeigte Covid-19: Inselstaaten verzeichneten nur rund ein Drittel der Übersterblichkeit anderer Länder.

Die gute Nachricht: Regierungsqualität und Dezentralisierung lassen sich politisch gestalten, und sie helfen gegen jedes untersuchte Risiko. Umso bedenklicher finden die Forscher, dass Demokratien weltweit schwächeln, die Ungleichheit wächst und Lieferketten sich auf wenige Knoten konzentrieren. Ihr wichtigster Schluss bleibt dennoch: Katastrophen zu verhindern ist immer besser, als sie – mit viel Glück – zu überstehen.

Die drei Risikofamilien, die häufig als robust genannten Länder und die vier zentralen Schutzfaktoren. Eigene Darstellung auf Basis der Studie.

Drei Familien der Katastrophe

Die Studie ordnet die Gefahren in drei Gruppen. Die erste ist der plötzliche Verlust von Sonnenlicht. Ruß aus Feuerstürmen nach einem Atomkrieg, Schwefelschwaden eines gewaltigen Vulkanausbruchs oder Staub nach einem Asteroideneinschlag könnten die Erde über Wochen und Monate verdunkeln. Die Folgen: Kälte, verkürzte Wachstumsperioden, Missernten und ein zusammenbrechender Lebensmittelhandel.

Die zweite Gruppe ist der großflächige Ausfall von Infrastruktur, vor allem ein langanhaltender Blackout. Auslöser könnten ein extremer Sonnensturm sein, ein elektromagnetischer Puls durch eine in großer Höhe gezündete Atombombe, ein koordinierter Cyberangriff oder eine Pandemie, bei der ein großer Teil der Beschäftigten ausfällt. Ohne Elektrizität stehen Kühlketten, Transport und Düngerproduktion still.

Die dritte Gruppe sind biologische Katastrophen: natürliche Pandemien, die Covid-19 weit übertreffen, Laborunfälle oder Biowaffen (z.B. Synthetische Biologie). Neben den direkten Todesopfern drohen zusammenbrechende Gesundheitssysteme, fehlendes Personal und Hungerkrisen.

Für ihre Übersicht werteten die Forscher 152 Publikationen aus. Rund die Hälfte stammte aus einer systematischen Datenbanksuche, die andere Hälfte steuerten Fachleute für Vulkanologie, Cyberangriffe, Ernährungssysteme und gesellschaftlichen Kollaps bei. Welche Länder als besonders widerstandsfähig gelten, ergibt sich daraus, wie oft sie in der Literatur ausdrücklich genannt werden oder die dort beschriebenen Merkmale erfüllen. Eine exakte Rangliste wollen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich nicht liefern.

Was Gesellschaften robust macht

Einige Faktoren helfen gegen fast alles. An erster Stelle steht funktionierende Regierungsführung: Wer keine handlungsfähigen Institutionen hat, kann Ressourcen weder mobilisieren noch verteilen. Demokratische Staaten schneiden in der Literatur besser ab, ebenso Gesellschaften mit geringer Ungleichheit, wenig Korruption und hohem Vertrauen. Historische Beispiele stützen das: Während einer Kältephase im sechsten Jahrhundert, die Forscher als Modell für einen nuklearen Winter nutzen, kamen Gesellschaften mit breiter politischer Beteiligung besser durch die Krise. Und in der Covid-19-Pandemie hatten Länder mit geringerer Einkommensungleichheit weniger Übersterblichkeit.

Hinzu kommt eine starke industrielle Basis, die sich im Notfall umrüsten lässt, Wohlstand, eine gewisse Unabhängigkeit vom Welthandel und eine abgelegene Lage. Große Inseln gelten als besonders günstig: Das umgebende Meer puffert Temperaturstürze, und Grenzen lassen sich leicht schließen. Kleine Inseln dagegen sind durch Tsunamis und den steigenden Meeresspiegel gefährdet und wirtschaftlich zu schwach, um sich selbst zu versorgen. Städte wiederum werden in einer globalen Krise schnell zur Falle, weil sie auf ständigen Nachschub angewiesen sind.

Wenn die Sonne verschwindet

Beim Szenario Verdunkelung spielt die Geografie die Hauptrolle. Die Südhalbkugel ist klar im Vorteil: Dort gibt es keine Atommächte, weniger große Vulkane und mehr Ozeanfläche, die Temperaturen stabilisiert. Direkt gefährdet wären dagegen die Atommächte selbst – die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea –, ihre Gegner und ihre Verbündeten, also auch die NATO-Staaten. Beim Klima trifft es vor allem hohe nördliche Breiten. Als besonders verwundbar nennt die Literatur neben den USA, Kanada, Russland und China auch Mittel- und Osteuropa. Eine neuere Analyse zeigt zudem, dass tief reichender Frost Trinkwasserleitungen nördlich von etwa 25 Grad Breite beschädigen könnte – das schließt ganz Europa ein.

Am besten schneidet Australien ab: Es liegt im Süden, fernab potenzieller Konfliktherde, hatte seit Ende der letzten Eiszeit keinen Vulkanausbruch, ist ein großer Lebensmittelproduzent mit vielfältigen Klimazonen und verfügt über Kohle, Gas und Wälder. Tasmanien gilt den Wissenschaftlern gar als »Zuflucht in der Zuflucht«. Allerdings könnte das Bündnis mit den USA Australien auf eine Zielliste setzen. Danach folgen Argentinien, Brasilien und Neuseeland. Die beiden südamerikanischen Agrarriesen punkten mit großer Nahrungsproduktion, leiden aber unter hoher Ungleichheit und politischer Instabilität. Neuseeland hat aktive Vulkane, wenig Industrie und ist rundum Tsunamis ausgesetzt. Uruguay gilt als sehr demokratisch und landwirtschaftlich stark, ist aber klein. Chile könnte an seiner langen Pazifikküste Algen anbauen – diese gelten als vielversprechende Notnahrung –, hängt aber stark von Fischerei und Handel ab. Island schließlich ist ein Widerspruch: Insel, vulkanerfahren, aber so weit im Norden, dass es einen heftigen Kälteschock erleiden würde.

Überraschend ist ein Detail zur Energie: Wind- und Solarstrom würden bei verdunkeltem Himmel einbrechen. Im Vorteil wären Regionen mit Wasserkraft, Geothermie oder viel Holz. Und für Nahrungsdepots empfiehlt eine der zitierten Arbeiten Hochlagen am Äquator, etwa in den Anden rund um La Paz in Bolivien oder Pasto in Kolumbien: Sie sind durch ihre Höhe geschützt, weniger von der Verdunkelung betroffen und weit weg von Tsunamis.

Wenn der Strom ausfällt

Gegen einen Infrastrukturkollaps hilft paradoxerweise oft weniger Hightech. Je digitaler eine Gesellschaft, desto verwundbarer ist sie. Kleinbäuerliche und ökologische Landwirtschaft, die kaum Kunstdünger braucht, würde ihre Erträge nach einem Netzausfall weitgehend halten. Die Ukraine zeigte, dass ältere Stromnetze nach russischen Cyberangriffen auf Handbetrieb umgestellt werden können – moderne Netze können das oft nicht mehr. Das eng verflochtene europäische Netz kann Ausfälle abfedern, wie grenzüberschreitende Hilfe zeigt, kann Störungen aber auch weitertragen, wie der Blackout in Spanien und Portugal 2025 bewies. Wie empfindlich Volkswirtschaften sind, belegt ein historisches Beispiel: Als Japans Industriekapazität im Zweiten Weltkrieg auf etwa 30 Prozent zerstört war, brach die Produktion um rund 80 Prozent ein.

Bei Sonnenstürmen zählt die Lage. Am stärksten gefährdet sind Kanada, die USA, Großbritannien, Irland, Norddeutschland, das Baltikum, Skandinavien, Russland, Neuseeland und Tasmanien. Vorwarnsysteme für Weltraumwetter haben nur wenige, darunter die USA, die EU, Großbritannien, Japan, Australien, Frankreich und China. Einen Atomschlag in großer Höhe müssen vor allem Staaten fürchten, die mit Atommächten im Konflikt stehen.

Die besten Karten haben erneut Australien und Neuseeland – sofern der Handel weiterläuft. Neuseeland produziert sogar eigenen Stickstoffdünger. Als Kompromisskandidaten nennt die Studie die Schweiz und Uruguay: beide demokratisch, mit geringer Ungleichheit und stabilen Netzen dank Wasserkraft. Die Schweiz hat teilweise gehärtete Infrastruktur, könnte aber bei einem elektromagnetischen Puls über Europa zum Kollateralschaden werden. Uruguay liegt weit weg von Zielen und Sonnensturmzonen. Kuba zeigte trotz autoritärer Führung, dass eine Landwirtschaft mit wenig Dünger und Treibstoff funktionieren kann.

Wenn ein Erreger kommt

Zu Pandemien gibt es dank Covid-19 die meisten Daten. Starke, gut finanzierte Gesundheitssysteme, allgemeine Krankenversicherung, gute Überwachung und eine gesunde Bevölkerung helfen. Noch deutlicher wirkt die Geografie: Inselstaaten verzeichneten in der Pandemie im Schnitt 64,8 zusätzliche Todesfälle je 100.000 Einwohner, andere Länder 194,3 – obwohl ihre Gesundheitssysteme oft schwächer sind. Staaten, die das Virus konsequent aussperrten, hatten 2020 und 2021 praktisch keine Übersterblichkeit. Auch abgelegene Länder wie Bhutan oder Island kamen vergleichsweise gut durch. Dass es ohne Insellage geht, zeigen China und Westaustralien, die die Folgen über lange Zeit begrenzen konnten. Entscheidend waren zudem Vertrauen in Institutionen, wenig Korruption und politische Entschlossenheit. Die schlechte Bilanz der USA und Lateinamerikas führt die Literatur auch auf mangelnden politischen Willen und geringen gesellschaftlichen Zusammenhalt zurück.

Australien und Neuseeland erfüllen fast alle Kriterien. Skandinavien, Kanada und die Schweiz ebenso – nur liegen sie nicht abgelegen. Die Schweiz könnte sich dank ihrer Berge abschotten, ist aber klein und handelsabhängig. Norwegen sticht durch seine Energieunabhängigkeit aus Öl und Wasserkraft hervor. Japan und Südkorea haben starke Gesundheitssysteme, aber eine alternde Bevölkerung und hängen am Welthandel.

Und wo steht Deutschland?

Direkt bewertet wird Deutschland nicht, doch einige Befunde betreffen es unmittelbar. Als NATO-Mitglied in Mitteleuropa läge es in der Zone, die bei einem nuklearen Winter besonders verwundbar ist, und im Einzugsbereich des Trinkwasserrisikos. Norddeutschland gehört zu den Regionen mit erhöhtem Sonnensturmrisiko. Auf der Habenseite stehen ein gutes Gesundheitssystem – Deutschland zählt beim globalen Gesundheitssicherheitsindex noch zur Spitzengruppe –, die Vorwarnkapazitäten der EU und eine große Industrie.

Der Preis der Sicherheit

Das vielleicht wichtigste Ergebnis sind die Zielkonflikte. Was gegen die eine Gefahr schützt, schwächt gegen die andere. Abgeschiedenheit hält Viren fern, macht aber nach einem Blackout einsam. Eine große Industrie kann Ersatznahrung produzieren, erhöht aber die digitale Abhängigkeit. Hohe Erträge schaffen Reserven, setzen aber Dünger voraus. Selbst ökologisch Wünschenswertes hat eine Kehrseite: Weniger Fleischproduktion schont den Planeten, doch das Futter der Tiere wäre in einer Hungerkrise eine riesige stille Nahrungsreserve.

Deshalb weigern sich die Forscher, eine Gesamtrangliste zu erstellen: Ob geringe Ungleichheit wichtiger ist als eigene Düngerproduktion, sei auch eine Wertefrage.

Was sich ändern lässt

Eine Insel kann kein Land werden, die Südhalbkugel ist nicht wählbar. Doch zwei Faktoren helfen gegen alle untersuchten Gefahren und lassen sich politisch gestalten: gute Regierungsführung und Dezentralisierung – etwa verteilte Lebensmittelvorräte, Inselnetze und vielfältige Landwirtschaft. Dazu kommen konkrete Vorsorgeschritte: globale Katastrophenrisiken in nationale Risikoanalysen aufnehmen, in krisenfeste Nahrung wie Algen oder Einzellerprotein investieren und schon vorab Handelsabkommen für den Ernstfall schließen. Australien und Neuseeland könnten zu Ankerpunkten einer globalen Vorsorge werden, etwa mit Saatgutbanken und Nahrungsdepots.

Sorge bereitet dem Team, dass sich gerade die wichtigsten Stellschrauben in die falsche Richtung drehen: Demokratien geraten weltweit unter Druck, die Ungleichheit wächst, Lieferketten konzentrieren sich. Die Autorinnen und Autoren räumen auch Grenzen ein: Australien und Neuseeland sind besonders gut erforscht, andere Länder vielleicht nur übersehen. Vulkane, Cyberangriffe und elektromagnetische Pulse sind kaum untersucht, und innerhalb eines Landes können ländliche Regionen weit robuster sein als Städte.

Am Ende steht eine klare Botschaft: Vorbeugen ist immer besser als (vielleicht) Überleben. Doch manche Katastrophen, etwa große Vulkanausbrüche, lassen sich nicht verhindern. Wie gut sich Gesellschaften darauf vorbereitet haben, würde dann in Menschenleben gemessen.

Länder-Check mit Stärken und Schwachstellen, besonders exponierte Regionen und zentrale Zielkonflikte. Qualitative Einordnung auf Basis des Studientexts, eigene Darstellung.

Grundlage: Jehn, F. U. et al.: »No Place to Hide? Regional Resilience and Vulnerability to Global Catastrophic Risk«.

© RiskCompass infodienst Krisenticker. Illustration: Pixabay. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend KI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.

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