KI: Der jähe Abschied der Arbeit?
Arbeit ist in modernen Gesellschaften mehr als Broterwerb. Sie ist Identität, soziale Einbettung, moralische Legitimation und politisches Ordnungsprinzip zugleich. Wer arbeitet, gilt als nützlich; wer nicht arbeitet, muss sich rechtfertigen. Diese tiefe kulturelle Prägung wird im beginnenden Zeitalter von KI und humanoider Robotik implizit oder explizit vorausgesetzt – und zugleich radikal in Frage gestellt. Denn Künstliche Intelligenz und humanoide Robotik bedrohen nicht nur einzelne Berufe, sondern das Fundament einer auf Arbeit basierenden Gesellschaft.
Was sich jetzt schon abzeichnet und von zahlreichen Denkern und Experten skizziert wird, ist das Bild einer möglichen »Postarbeits‑Ökonomie« – einer Welt, in der menschliche Arbeit systematisch überflüssig wird.
Exponentielle Intelligenz und das Ende der historischen Langsamkeit
Hierzu lautet die zentrale These des israelischen Historikers und Autors Yuval Harari, dass die gegenwärtige KI‑Revolution qualitativ anders ist als frühere technologische Umbrüche. Landwirtschaft und Industrialisierung waren tiefgreifend, aber langsam. Die heutige Entwicklung hingegen folgt einer exponentiellen Logik. Harari beschreibt diesen Bruch eindringlich, wenn er betont, dass frühere Generationen davon ausgehen konnten, dass ihre Kinder noch in vergleichbaren Lebenswelten aufwachsen würden. Diese Erwartung zerbricht.
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Maschinen schneller rechnen oder effizienter produzieren. Entscheidend ist, dass erstmals eine nicht‑menschliche Intelligenz entsteht, die in immer mehr kognitiven Bereichen mit Menschen konkurriert oder sie übertrifft. Harari spricht hier von einer neuen historischen Epoche: dem möglichen Ende der Zeit, in der der Mensch die einzige relevante Intelligenz auf dem Planeten war.
Damit verschiebt sich der Referenzrahmen aller gesellschaftlichen Institutionen. Bildungssysteme, Arbeitsmärkte, Demokratien und Rechtsordnungen beruhen auf der Annahme menschlicher kognitiver Überlegenheit. Wird diese Annahme obsolet, verlieren diese Institutionen ihre implizite Grundlage.
Arbeit als anthropologisches Fundament
Ganz gleich, ob man diese epochale Entwicklung aus der historisch‑philosophischen Vogelperspektive, spekulativ‑gesellschaftskritisch oder ökonomisch‑strategisch und operativ betrachtet, alle diese Sichtweisen teilen – trotz unterschiedlicher Nuancen – eine zentrale Diagnose: Die moderne Gesellschaft hat Arbeit nicht nur ökonomisch, sondern existenziell überhöht. Harari formuliert dies besonders klar, wenn er darauf hinweist, dass Menschen ihre Identität primär über ihren Beruf definieren. Die Frage »Wer bist du?« wird fast reflexhaft mit einer Berufsbezeichnung beantwortet.
Der IT-Spezialist, Datenanalyst und Autor Tom Lausen greift diesen Gedanken auf, indem er Arbeit als soziale Disziplinierungsmaschine beschreibt. Arbeit strukturiert Tagesabläufe, legitimiert Einkommen, ordnet Menschen hierarchisch ein und kanalisiert die Sinnsuche. Fällt diese Struktur weg, entsteht nicht automatisch Freiheit, sondern zunächst Orientierungslosigkeit.
Managementberater, Autor und Zukunftsforscher Pero Mićić wiederum betrachtet Arbeit funktional: als Produktionsfaktor in einem Wirtschaftssystem, das auf Effizienz, Produktivität und Skalierung optimiert ist. Aus dieser Perspektive ist menschliche Arbeit kein Selbstzweck, sondern ein Kostenfaktor – und damit prinzipiell substituierbar.
Warum dieses Mal »neue Jobs« keine Lösung sind
Ein wiederkehrendes Argument in öffentlichen Debatten lautet, technologische Umbrüche hätten historisch stets neue Arbeitsplätze geschaffen. Viele Experten widersprechen inzwischen dieser »Verharmlosung« – aus unterschiedlichen Gründen.
Harari argumentiert beispielsweise historisch: Frühere Technologien ersetzten menschliche Muskelkraft oder einzelne Tätigkeiten, nicht jedoch die menschliche Lern‑ und Anpassungsfähigkeit insgesamt. KI hingegen greift genau diese Fähigkeit an.
Lausen betont die Geschwindigkeit. Selbst wenn neue Tätigkeiten entstehen, geschieht dies nicht schnell genug, um die Masse der wegfallenden Jobs zu kompensieren. Zudem seien diese neuen Tätigkeiten oft hochspezialisiert und für breite Bevölkerungsschichten kaum zugänglich.
Mićić schließlich führt ein ökonomisches Argument an: Wenn Maschinen jede ökonomisch relevante Tätigkeit günstiger, schneller und zuverlässiger ausführen können, entsteht kein Marktanreiz, neue menschliche Arbeit zu schaffen. Produktivität entkoppelt sich dann vollständig von menschlicher Beschäftigung.
Die »Postarbeits‑Ökonomie« als realistisches Szenario
Der Begriff der Postarbeits‑Ökonomie beschreibt keinen utopischen Endzustand, sondern einen Übergangszustand, in dem menschliche Arbeit systematisch an Bedeutung verliert. Mićić spricht offen davon, dass 60 bis 80 Prozent der heutigen Tätigkeiten in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten automatisierbar sind – nicht nur theoretisch, sondern ökonomisch.
Humanoide Roboter dürften hierbei eine Schlüsselrolle spielen. Während die klassische Automatisierung auf standardisierte Umgebungen angewiesen war, können humanoide Systeme in menschlichen Arbeitswelten agieren: ob Lager, Pflege, Handwerk, Logistik, Dienstleistung. Damit entfällt eines der letzten Schutzargumente für menschliche Arbeit.
Lausen ergänzt diese Analyse um eine gesellschaftliche Perspektive: Wenn Arbeit als Zugangsvoraussetzung zu Einkommen entfällt, kollabiert das bestehende Sozialmodell. Steuereinnahmen brechen weg, Sozialsysteme geraten unter Druck, die politische Legitimation erodiert.
Identitätskrise und psychologische Verwerfungen
Besonders eindringlich ist bei Harari die Warnung vor einer »nutzlosen Klasse« – nicht im moralischen, sondern im systemischen Sinn. Menschen könnten ökonomisch überflüssig werden, ohne deshalb biologisch oder emotional weniger menschlich zu sein.
Diese Diskrepanz werde eine massive Identitätskrise erzeugen. Wenn gesellschaftliche Anerkennung an Arbeit gekoppelt bleibt, während Arbeit verschwindet, entsteht ein Gefühl struktureller Entwertung. Lausen beschreibt dies als Nährboden für Radikalisierung, Verschwörungserzählungen und Gewaltfantasien.
Mićić weist darauf hin, dass diese Krise nicht erst bei Massenarbeitslosigkeit beginnt. Bereits zehn bis 20 Prozent strukturelle Erwerbslosigkeit können ausreichen, um politische Systeme zu destabilisieren. Der Verlust der Rolle als »Ernährer« oder als produktives Mitglied trifft besonders Gesellschaften, deren Selbstbild stark leistungsorientiert ist.
Soziale Spannungen und neue Klassenkonflikte
Diese möglichen bis wahrscheinlichen Trends skizzieren – explizit oder implizit – neue gesellschaftliche Bruchlinien. Nicht mehr Kapital gegen Arbeit, sondern Zugang zu Technologie, Bildung und politischer Gestaltungsmacht wird zu den entscheidenden Bruchlinien.
Einerseits könne eine dauerhafte Unterschicht entstehen, die zwar materiell versorgt, aber politisch und kulturell marginalisiert werde. Dies habe auch eine geopolitische Dimension: Staaten, die KI kontrollieren, gewönnen massive Machtvorteile gegenüber jenen, die es nicht tun. Andererseits kippe ein System ohne aktive politische Gestaltung automatisch in extreme Ungleichgewichte. Marktmechanismen allein erzeugen noch keine soziale Stabilität.
Maschinenstürmerei, Gewalt und Bürgerkriegsrisiken
Vor diesem Hintergrund drängen sich historische Analogien geradezu auf. Die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts reagierten auf den Verlust ihrer Existenzgrundlage mit Gewalt gegen die Technik. Die Parallelen zur Gegenwart sind offensichtlich: Sabotage, digitale Angriffe, politische Radikalisierung könnten moderne Formen dieser Reaktion sein.
Darüber hinaus besteht die reale Gefahr innergesellschaftlicher Konflikte, wenn große Bevölkerungsgruppen das Gefühl entwickeln, systematisch bedeutungslos zu werden. In Kombination mit algorithmischer Meinungssteuerung und Informationsblasen könnte ein explosives Gemisch entstehen. Auch wenn es nicht in einen Bürgerkrieg mündet, sind funktional ähnliche Dynamiken wahrscheinlich: der Zusammenbruch staatlicher Einnahmen, Legitimationskrisen und autoritäre Gegenreaktionen.
Grundeinkommen, Universal High Income und ihre Grenzen
Als mögliche Antwort auf diese Herausforderungen werden Modelle wie die eines (bedingungslosen) Grundeinkommens oder eines »Universal High Income« diskutiert. Indessen wird betont, dass solche Modelle weniger altruistisch als systemisch notwendig sind: Kaufkraft muss erhalten bleiben, damit Wirtschaft funktioniert.
Doch Skepsis ist angebracht. Nicht wenige Prognostiker warnen davor, materielle Versorgung mit gesellschaftlicher Integration zu verwechseln. Denn Einkommen allein stiftet noch keinen Sinn. Daran schließt sich die grundsätzliche Frage an, ob politische Systeme in der Lage sind, solche radikalen Umverteilungsmechanismen rechtzeitig und friedlich umzusetzen. – So verschieden die Lösungen sein mögen, am Ende sprechen fast alle Experten eine gemeinsame Warnung aus: Die Verdrängung des Problems ist die größte Gefahr. KI und humanoide Robotik sind keine ferne Zukunftsvision, sondern eine sich beschleunigende Gegenwart.
Ob die »Postarbeits‑Gesellschaft« zu einem Zeitalter größerer Freiheit oder zu einer Phase massiver Konflikte wird, hängt weniger von der Technologie ab als von der gesellschaftlichen Gestaltung. Arbeit verschwindet nicht über Nacht – aber ihre Selbstverständlichkeit tut es bereits. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Menschen weiterhin arbeiten werden, sondern wie das Menschsein jenseits der Arbeit zu definieren sei.
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