US-Intervention in Venezuela: Vorspiel eines größeren geopolitischen Konflikts?
Im Interview, das der norwegische Professor Glenn Diesen mit dem ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson führte, zeichnet sich das Bild einer Eskalationsstrategie ab, deren Zentrum nicht Caracas, sondern Teheran ist.
Die militärische Intervention der Vereinigten Staaten in Venezuela und die Gefangennahme des amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro markieren nach Einschätzung des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Larry Johnson keinen isolierten Vorgang, sondern einen Baustein in einer umfassenderen geopolitischen Planung. Johnson ordnet das Geschehen in einen globalen Kontext ein, der von der Energieversorgung über Lateinamerika bis hin zur Rivalität der Großmächte reicht.
Ähnlich sieht es der ehemalige US-amerikanische Offizier und Waffeninspekteur Scott Ritter, der die »Machtübernahme« in Venezuela als eine präzise inszenierte Geheimdienstoperation unter Donald Trump analysiert, die weit von einer rechtstaatlichen Festnahme entfernt sei. Laut Ritter basierte der Erfolg nicht auf militärischer Stärke, sondern auf der massiven Bestechung der venezolanischen Funktionselite sowie der Sicherheitskräfte durch die CIA. Durch die gezielte Ausnutzung von Sanktionen und die Korrumpierung des Militärs sei ein »permissives Umfeld« geschaffen worden, das den Delta-Force-Einsatz als medienwirksames Spektakel erst ermöglichte. Ritter behauptet, die US-Regierung habe die politische Führung Venezuelas schlichtweg »gekauft«, während sie der Öffentlichkeit ein Narrativ von nationaler Sicherheit und Drogenbekämpfung unterjubelte. Diese Begründungen, insbesondere der Vorwand des Fentanyl-Schmuggels, bezeichnet er als nachweisbare Lügen, da Venezuela kaum eine Rolle im US-Drogenmarkt spiele. Für den Experten markiert dieser Vorfall den Übergang der USA zu einem »Schurkenstaat«, der internationales Recht ignoriert und einseitig diktatorische Befugnisse anwendet. Letztlich diene die gesamte Aktion primär dazu, Trumps politischer MAGA-Basis einen »großen Sieg« zu präsentieren und gleichzeitig ein aggressives Signal an Mächte wie den Iran, Russland und China zu senden.
Regimewechsel als vertrautes Muster
Johnson beschreibt das Vorgehen in Venezuela als möglichen Regimewechsel, der auf einer vertrauten, aber historisch widerlegten Annahme beruhe: politische Stabilität lasse sich durch die Entfernung einer einzelnen Führungsperson herstellen. Diese Vorstellung sei, so Johnson wörtlich, »absurd« und durch die Geschichte mehrfach widerlegt.
Er verweist auf den Iran (Geheimoperation Ajax durch CIA und MI6), Vietnam, Irak, Libyen und Syrien – Länder, in denen vergleichbare Interventionen langfristig nicht zu Stabilität, sondern zu Aufständen, Fragmentierung und Gewalt bis hin zu gescheiterten Staaten geführt hätten.
Auch im Fall Venezuelas sei nicht von einem raschen Machtvakuum mit kontrollierbarer Übergangsphase auszugehen. Trotz wirtschaftlicher Probleme verfüge das Land über bewaffnete Strukturen, politische Loyalitäten und regionale Netzwerke, die einem einfachen Machttransfer entgegenstünden. Johnson warnt vor der Illusion, man könne »nur einen Mann ersetzen und schon seien alle Probleme gelöst«.
Venezuela und der Blick auf den Iran
Im Zentrum der Analyse steht ein mögliches weiteres Szenario: ein militärischer Angriff auf den Iran. Johnson sieht die Ereignisse in Venezuela als vorbereitenden Schritt für diesen Fall. Die strategische Annahme laute, dass es im Zuge eines Iran-Krieges zu einer zeitweisen oder längeren Schließung der Straße von Hormus kommen könnte – einem der wichtigsten Nadelöhre des globalen Ölhandels. »Die Beschlagnahmung des venezolanischen Öls ist eine Vorbereitung auf einen Angriff auf den Iran«, vermutet Johnson, Venezuela fungiere dabei als »Versicherung«, falls Lieferungen aus dem Persischen Golf ausfielen.
Damit rückt Venezuela weniger als politisches Ziel, denn als energiepolitische Rückfalloption in den Fokus. Diese Logik verschiebe den Konflikt von einer regionalen Auseinandersetzung hin zu einem globalen Ressourcenszenario mit weitreichenden Folgen für Märkte und Allianzen.
Guerillakrieg und poröse Grenzen
Für Mittel- und Südamerika entwirft Johnson ein betrübliches Bild. Venezuela habe, ähnlich wie Kolumbien, ausgedehnte und schwer kontrollierbare Grenzen. Solche Strukturen begünstigten Guerillakrieg, Schmuggel und grenzüberschreitende Rückzugsräume. Johnson zieht einen direkten Vergleich zur jahrzehntelangen Existenz der kolumbianischen FARC und warnt, auch Venezuela könne in einen langanhaltenden inneren Aufstand geraten.
Statt eines klassischen Bürgerkriegs sei ein Szenario wachsender Instabilität wahrscheinlich: zunehmende Kriminalität, Attentate auf ausländische Akteure und ein schrittweiser Zwang zur militärischen Nachverstärkung durch die USA. Dieser Verlauf erinnere an Vietnam, wo anfangs »nur ein paar Militärberater mehr« zur Stabilisierung entsandt worden seien – mit bekannten Folgen.
Regionale Reaktionen und Flüchtlingsbewegungen
Johnson betont zudem die latente antiimperialistische Stimmung in weiten Teilen Lateinamerikas. Eine direkte oder indirekte US-Verwaltung Venezuelas würde nicht nur Widerstand hervorrufen, sondern auch Erwartungen an Ordnung, Versorgung und Sicherheit erzeugen. Scheiterten diese, drohten Angriffe auf US-Personal sowie Entführungen und Sabotageakte.
Hinzu komme die Gefahr neuer Flüchtlingsbewegungen. Instabilität in Venezuela könnte Millionen Menschen in Richtung Norden treiben – über Kolumbien, Panama und Mexiko bis an die US-Grenze. Johnson sieht darin eine Ironie, da gerade die Begrenzung von Migration zu den zentralen innenpolitischen Versprechen der aktuellen US-Politik gehöre.
Monroe-Doktrin, China und Russland
Im Interview wird das Vorgehen der USA auch als Neuinterpretation der Monroe-Doktrin beschrieben. Während diese historisch mit einer Selbstbeschränkung der USA – außerhalb ihres südamerikanischen »Hinterhofs« – einherging, werde sie nun als Anspruch auf exklusive globale Hegemonie verstanden. Andere Großmächte – insbesondere China und Russland – sollten aus der westlichen Hemisphäre verdrängt werden.
China treffe dies unmittelbar, da es ein zentraler Abnehmer venezolanischen Öls sei. Johnson hält wirtschaftliche Gegenmaßnahmen für wahrscheinlich, etwa Einschränkungen bei seltenen Erden oder eine Reduzierung chinesischer Investitionen in US-Staatsanleihen. Russland und China sähen in den Ereignissen zudem eine Bestätigung dafür, dass der Westen internationales Recht selektiv anwende und kein verlässlicher Partner sei.
Dazu zieht Johnson auch Parallelen zur Ukraine. Dort habe sich gezeigt, wie gestürzte oder geschwächte Staaten in externe Konflikte gelenkt werden könnten, um neue Loyalitäten zu erzwingen. Für Venezuela fehle jedoch ein geeigneter äußerer Gegner. »Der Hauptgegner werden dann die Vereinigten Staaten bleiben«, so Johnson, was den Widerstand zusätzlich verschärfe.
Ein riskantes Gesamtbild
In der Gesamtschau entsteht das Bild einer hochriskanten Strategie. Kurzfristige militärische Erfolge könnten sich rasch in langfristige politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Belastungen verwandeln. Was öffentlich als entschlossener Akt der Stärke präsentiert werde, berge das Potenzial für regionale Destabilisierung, neue Flüchtlingskrisen und eine weitere Zuspitzung der Rivalität zwischen den Großmächten. Oder, wie Johnson es zusammenfasst: Ein vermeintlicher Moment von »Mission erfüllt« – in Erinnerung an George W. Bushs voreiliges »Mission accomplished« zum Irak 2003 – könne sich schon bald als Beginn eines neuen globalen Desasters erweisen.
© ÆON-Z e.V. Thinktank. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend Künstliche Intelligenz eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.
