Tektonische Spaltungen – bis zur Staatsauflösung?

Tektonische Spaltungen – bis zur Staatsauflösung?

Frankreich erlebt eine tiefgreifende Untergrabung seines gesellschaftlichen Fundaments. Diese vollzieht sich nicht in einem einzelnen Gesetz, nicht in einem spektakulären Umsturz, sondern im Alltagsleben: auf Schulhöfen, in Wohnvierteln, Wahlkabinen und sozialen Netzwerken. Im Zentrum dieser Entwicklung steht eine neue islamische Identität, die vor allem unter jungen französischen Muslimen an Bedeutung gewinnt und zunehmend in Spannung zu den säkularen Grundlagen der Republik gerät.

Noch vor wenigen Jahrzehnten schien der französische Gesellschaftsvertrag einer laizistischen Republik stabil. Religion galt als Privatsache, die nationale Zugehörigkeit als verbindendes Dach. Heute zeigt sich ein anderes Bild. Rund 80 Prozent der Muslime in Frankreich bezeichnen sich als praktizierend, deutlich mehr als bei anderen Religionsgemeinschaften. Besonders auffällig ist der Generationenbruch: Etwa 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen verstehen sich als sehr oder extrem religiös – ein Wert, der ein Mehrfaches dessen beträgt, was für ihre Großeltern galt (ÆON-Z berichtete). Zwei Drittel beten täglich, fast die Hälfte besucht regelmäßig eine Moschee. Vor dreißig Jahren waren es nur etwa ein Fünftel beziehungsweise weniger als zehn Prozent. Der Islam, der keine (reine) Religion, sondern eine alles umfassende politische Weltanschauung ist, verliert nicht an Bedeutung, er gewinnt sie – und zwar bei jenen, die die demografische Zukunft des Landes prägen werden.

Diese Entwicklung bleibt nicht auf persönliche Frömmigkeit beschränkt. Mehr als die Hälfte der jungen Muslime hält religiöse Regeln für wichtiger als die Gesetze der Republik. Über ein Drittel äußert Sympathien für islamextremistische Positionen, fast die Hälfte fühlt sich radikaleren Strömungen nahe, die den Islam nicht nur als Glauben, sondern als politisches Ordnungsmodell begreifen. In weltanschaulichen Fragen stellen über 80 Prozent religiöse Überzeugungen über wissenschaftliche Erkenntnisse. Hier verschiebt sich der Maßstab von Wahrheit und Autorität – mit weitreichenden Folgen für eine Gesellschaft, die auf Rationalität, Wissenschaft und Rechtsstaatlichkeit fußt.

Ein zentraler Verstärker dieser Entwicklung ist die soziale Realität der Banlieues. In vielen dieser Brennpunktviertel – »Quartiers Prioritaires de la Politique de la Ville« (QPV) genannt – leben große muslimische Bevölkerungsgruppen räumlich konzentriert, häufig mit hoher Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 20 Prozent und geringer sozialer Durchlässigkeit. Was als sozialstaatliche Fürsorge begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer strukturellen Falle. Wer dort aufwächst, entwickelt sich oft in einen abgeschlossenen sozialen Raum hinein, besucht Schulen mit überwiegend muslimischer Schülerschaft und hat kaum Berührungspunkte mit der Lebenswelt der übrigen Gesellschaft. Integration erscheint nicht erstrebenswert, weil Anerkennung außerhalb der eigenen Gemeinschaft als unerreichbar gilt.

In diesem Umfeld wird Religion zum identitätsstiftenden Anker. Moscheen, religiöse Vereine und charismatische Prediger bieten Zugehörigkeit, Orientierung und klare Regeln. Islamextremistische Netzwerke, allen voran die Muslimbruderschaft, nutzen diese Dynamik gezielt. Sie kontrollieren mindestens zehn Prozent der Moscheen und betreiben Hunderte Bildungs-, Sport- und Wohlfahrtsvereine. Ihre Strategie ist langfristig und legalistisch angelegt: Einfluss durch soziale Arbeit, Präsenz in lokalen Strukturen, schrittweise Normverschiebung. Hinzu kommt massiver ausländischer Einfluss. Staaten wie Saudi-Arabien, Katar, die Türkei, Marokko oder Algerien finanzieren Moscheen, entsenden Imame und prägen religiöse Inhalte. Über soziale Medien erreichen Prediger aus dem Ausland junge Menschen direkt – oft mit Botschaften, die westlichen Werten völlig entgegengesetzt sind.

Der französische Säkularismus gerät dadurch unter Druck. Gesetze, die religiöse Symbole aus öffentlichen Schulen verbannen, sollen Neutralität sichern, werden von vielen Muslimen jedoch als gezielte Ausgrenzung empfunden. Verbote von Kopftuch oder Abaya führen nicht zur Anpassung, sondern häufig zum widerständigen Rückzug in religiöse Alternativstrukturen. Der Staat erscheint nicht als neutraler Schiedsrichter, sondern als Gegenspieler einer Identität, die sich bedroht fühlt. Jeder Konflikt – ob im Biologieunterricht, in der Sexualerziehung oder bei Fragen der Gleichberechtigung – wird so zum Symbolkampf.

Die demografische Entwicklung verleiht all dem eine alles überragende Sprengkraft. Der muslimische Bevölkerungsanteil in Frankreich lag 2016 bei 8,8 Prozent und könnte bis 2050 auf weit über 20 Prozent anwachsen. Da muslimische Familien jünger sind und mehr Kinder bekommen, wird ihr Einfluss unter Jugendlichen und Erwerbstätigen besonders stark sein. Bereits heute zeigt sich dies politisch: In urbanen Räumen bildet sich ein klar identifizierbarer muslimischer Wahlblock, der überwiegend linke bis linksextreme Parteien (z.B. La France insoumise – d.h. ›Unbeugsames Frankreich‹) unterstützt, die als besonders sensibel für muslimische Interessen gelten. Gleichzeitig radikalisiert sich ein Teil der nicht-muslimischen Bevölkerung – insbesondere auf dem Land und außerhalb der Großstädte – in die entgegengesetzte Richtung (z.B. ›Rassemblement National‹). Das politische Koordinatensystem verschiebt sich entlang kultureller und identitärer Bruchlinien.

Die Folgen sind nicht nur absehbar, sondern bereits sichtbar. In Schulen häufen sich Konflikte um Lehrinhalte, Lehrer meiden Themen aus Angst vor Eskalation (siehe Mord an Samuel Paty), Familien der Mittelschicht ziehen ihre Kinder aus problematischen Schulen ab. Es entstehen parallele Bildungssysteme. Auf dem Arbeitsmarkt kollidieren religiöse Vorstellungen (wie z.B. die Gebetszeiten) mit säkularen Arbeitsbedingungen. In einzelnen Vierteln verliert der Staat faktisch die Kontrolle: Polizei und Verwaltung sind nur eingeschränkt präsent, Regeln werden informell durchgesetzt, staatliche Gesetze gelten nur noch, wenn sie lokal akzeptiert werden.

Frankreich steuert damit nicht auf eine islamische Theokratie zu, sondern auf etwas Subtileres und möglicherweise Gefährlicheres: ein dauerhaft gespaltenes Land. Zwei große Bevölkerungsgruppen, beide französische Staatsbürger, leben nach unterschiedlichen normativen Ordnungen, konsumieren unterschiedliche Medien, wählen unterschiedliche Parteien und misstrauen einander zutiefst. Die Republik bestünde weiter auf dem Papier, doch ihr innerer Zusammenhalt wird brüchig bis zur Spaltung.

Das eigentliche Risiko liegt nicht im Wachstum einer Weltanschauung, sondern im Verlust eines gemeinsamen Referenzrahmens. Wenn der gesellschaftliche Konsens darüber zerbricht, was Vorrang hat – religiös behauptete Gebote oder staatliches Recht, kollektive Identität oder individuelle Freiheit –, wird ein Kompromiss unmöglich. Frankreich steht damit vor einer historischen Bewährungsprobe: ob es gelingt, Integration, Säkularismus und soziale Kohäsion neu zu denken, oder ob sich die beschriebenen Parallelwelten verfestigen und das Land dauerhaft in unversöhnliche Lager zerfällt. Auch andere europäische Länder folgen diesem Entwicklungspfad …

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