
Der traditionelle Erzfeind eines Staates ist nicht mehr zwingend ein anderes Land oder eine fremde Macht. Vielmehr scheint der mit zahlreichen Masken auftretende Feind zunehmend im Inneren zu lauern. Der am renommierten Londoner King’s College im »Department of War Studies« tätige Professor David J. Betz kommt im Rahmen seiner Forschung zum Ergebnis, dass die Zukunft des Krieges (im Westen) der Bürgerkrieg sein wird. Grundlagen seiner Prognosen sind einerseits die intensive, rund zehnjährige Untersuchung der dunklen Ecken des Internets, bei der er registrierte, was angehende Revolutionäre, Neo-Anarchisten und Möchtegern-Milizen denken und reden. Andererseits sieht er die Unvermeidlichkeit eines offenen, aktiven und groß angelegten Bürgerkriegs in Nordamerika und in Westeuropa im Versagen der derzeitigen gesellschaftlichen Strukturen, das sich immer weiter beschleunigt. Die größte Bedrohung der Sicherheit und des Wohlstands im Westen geht laut Betz heute von seiner eigenen sozialen Instabilität, seinem strukturellen und wirtschaftlichen Niedergang, seiner kulturellen Verkümmerung und vom Kleinmut sowie der Inkompetenz des herrschenden Machtkartells aus. Die normale Politik erwecke den Anschein, unfähig, aber auch unwillig zu sein, die drängenden Probleme der Bürger zu lösen. Stattdessen stiegen die Steuern und Abgaben (z.B. CO2-Steuer), die Meinungsfreiheit werde eingeschränkt (z.B. Digital Services Act, Meldeportale), die sozialen Schieflagen ignoriert (z.B. Altersarmut) und wirtschaftliche Unsicherheiten bewusst herbeigeführt (z.B. Billionen-»Sondervermögen«). Die Menschen nähmen dies zunehmend wahr und ihr Vertrauen in die Regierung scheine angesichts der offensichtlichen Unwilligkeit oder Unfähigkeit der parteipolitischen Klasse, sich der Situation ehrlich zustellen, immer weiter zu sinken.
Betz erwartet »erschütternde gesellschaftliche Spaltungen entlang der Sollbruchstellen des Multikulturalismus« wie auch entlang der Klüfte eines neuartigen Klassenkampfes. Dieser Klassenkampf wird – nach Ansicht des Autors – von der parasitären Klasse eines steuergeldfinanzierten und staatsnah oder beim Staat angestellten urban-akademischen Lumpenproletariats geführt, das sich aggressiv gegen die quantitativ schrumpfende Klasse der wertschöpfend Tätigen und Nettosteuerzahler wendet. Dieser Klassenkampf, der etwas metaphorisch als »Kulturkampf« bezeichnet werde, nehme hinsichtlich des Ausmaßes der gegenseitigen Dämonisierung und Abneigung zunehmend den Charakter eines tatsächlichen Krieges an. Darüber hinaus sieht er eine ausgeprägte ländliche versus städtische Dimension, insbesondere Angriffe auf die Infrastruktur sowie eine Rückkehr zum »Schock des Alten« – d.h. Rückfallmutationen zu brutalen Taktiken, insbesondere den Einsatz von Hungersnöten und der Zerstörung von Unterkünften als Zwangsmittel. Im Mittelpunkt eines wahrscheinlich kommenden Bürgerkriegs stehe die Zerstörung »globaler« Städte durch Ausnutzung ihrer inhärenten Instabilität.
Betz erhofft sich keine Chance mehr, die bevorstehenden Bürgerkriege noch zu verhindern. Als bedauerliche Realität müsse zur Kenntnis genommen werden, dass die Gesellschaft den Punkt, an dem es noch eine Umkehr gegeben hätte, bereits überschritten habe (Point of No Return). »Das Beste, was wir hoffen können, ist, dass wir, ausgestattet mit der folgenden Vorwarnung, erkennen, was weshalb geschieht, und wie vielleicht die Zeit des gesellschaftlichen Schmerzes abgemildert und verkürzt werden kann.«
Ausgangspunkt seiner Prognose ist die Binsenweisheit, dass mit zunehmender gesellschaftlicher Komplexität die Entropie zunimmt, je weiter wir uns entlang der Zeitachse vorwärtsbewegen.
Anmerkung: Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff Entropie (altgriechisch: ἐντροπία) bedeutet so viel wie Umwandlung. Entropie beschreibt sowohl eine physikalische Zustandsgröße als auch als ein Maß aus der Informationstheorie (hier wird Entropiezunahme als Informationsverlust verstanden). Ausgehend vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und verwandten Erkenntnissen, beschreibt Entropie in Bezug auf politische und gesellschaftliche Strukturen entweder – bildlich – ein Maβ für »soziale Unordnung« oder einen von Informations- und Wahrscheinlichkeitstheorien abgeleiteten Indikator für verfügbare oder nicht verfügbare Information bzw. eine Funktion von Wissen und Unwissen.
So geht der Soziologe Manfred Wöhlcke¹ davon aus, dass in sozialen Systemen bestimmte Kräfte wirksam sind: die Tendenz zur Syntropie, zur Aufrechterhaltung von Ordnung, zum Aufbau von Organisationsstrukturen, und die Tendenz zur Entropie, zur Unordnung, zum Verfall. Soziale Entropie wird in der bislang komplexesten Gesellschaftsform, der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, am deutlichsten sichtbar, weil hier das erforderliche Maß an syntropischen Gegenkräften nicht mehr erreicht werden kann. Die Folge ist die soziokulturelle Desintegration, der Zerfall. Zerfallserscheinungen sind etwa Übervölkerung, Flüchtlings- und Einwanderungsströme, Gender Mainstreaming, soziale Desintegration, Verwahrlosung des öffentlichen Raumes, antiautoritäre Erziehung usw.
Durch eine solche Gesellschaft vagabundieren gesellschaftliche Teilmengen (und Maßnahmen), die entweder hoch entropisch oder aber auch hoch syntropisch sind. Sekten und Terrorgruppen (oder auch die Mafia) zeichnen sich durch ein Höchstmaß an Binnenordnung aus, sind also nach innen hoch syntropisch, leisten aber gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag zur »Entropierung« der Gesamtgesellschaft. Hoch entropisch sind auch »multikulturelle« oder aber auch überalternde Gesellschaften. »Multikulturelle«, d.h. multiethnische Gesellschaften sind fragmentierte Gesellschaften höchster Entropie und geringster gemeinsamer Identität. Der Verlust an Identität wird von außen (und innen) mittels Infiltration fremder Identitäten nicht gebremst, sondern weiter beschleunigt.
Der (vergebliche) Versuch Entropie zu senken verursacht immer Kosten. Insbesondere solche, die nicht in Geld messbar sind, also Opportunitätskosten. Die erwünschte Ordnung kommt nicht von allein zustande, denn sie ist mühsame und energieaufwändige Entropieverringerung. Es müssen also Arbeit und Kosten, nicht nur in Form von Geld, aufgebracht werden, um (wieder) Ordnung zu schaffen. Wobei die »Entropierung« nie angehalten, sondern allenfalls verlangsamt werden kann. Und auch dies ist zweifelhaft. Der Kulminationspunkt gesellschaftlicher Entropie ist der Bürgerkrieg.
¹Manfred Wöhlcke: Das Ende der Zivilisation. Über soziale Entropie und kollektive Selbstzerstörung, dtv, München 2003, ISBN 3-423-34054-1.
Betz verweist seinerseits darauf, dass außer ihm auch andere Wissenschaftler und Experten die Lebensverhältnisse in mehreren großen westlichen Staaten bereits inmitten eines Bürgerkriegs niedrigen Grades, d.h. eines molekularen Bürgerkriegs, angekommen sehen. In Frankreich unterzeichneten im Jahr 2021 deshalb tausend Angehörige der Streitkräfte, darunter 20 pensionierte Generäle, einen offenen Brief, in dem sie vor einem drohenden Bürgerkrieg warnten.
Zur Untermauerung seiner Thesen schlägt Betz zunächst in der Literatur zu Bürgerkriegen nach. Demnach herrsche Einigkeit in zwei Punkten: Erstens seien Bürgerkriege kein Problem für reiche Staaten, und zweitens seien Länder mit einer stabilen, vom Volk legitimierten Regierung weitgehend frei von diesem Phänomen. Demokratien, die als legitim wahrgenommen werden, seien ebenso stabil wie starke Autokratien. Im ersten Fall wegen des Vertrauens in ein gerechtes politisches System; im zweiten Fall wegen des Repressionsapparats, der Oppositionelle identifiziert und »einhegt« oder bestraft, bevor sie Wirkung entfalten (aktuelle Beispiele sind Saudi-Arabien, Singapur, Türkei, VAE).
Ein wesentlicher Treiber in Richtung Bürgerkrieg ist die – insbesondere ethnische – Fragmentierung einer Gesellschaft. Bereits 1991 bezichtigte der US-amerikanische Historiker und Präsidentenberater Arthur M. Schlesinger in seinem Buch »The Disuniting of America. Reflections on a Multicultural Society« den »Kult der Ethnizität«, die Einheit der US-amerikanischen Gesellschaft zunehmend zu untergraben. Betz unterstreicht, dass vollkommen heterogene Gesellschaften nicht anfälliger für Bürgerkriege seien als sehr homogene. Die Tendenz, Gesellschaften in eine unüberschaubare Zahl kleiner und kleinerer Minderheiten zu zerspalten, folge dem Prinzip »teile und herrsche« als einem wirksamen Kontrollmechanismus zur Steuerung einer Bevölkerung und zur Herrschaftssicherung. Auch solche Gesellschaften, in denen sich etwa gleichstarke Minderheiten gegenseitig misstrauen und zugleich in Schach halten, ist die Gefahr eines Bürgerkriegsausbruchs gering. Am meisten gefährdet und am instabilsten gelten indessen »mäßig homogene« Gesellschaften, insbesondere dann, wenn eine nominelle Mehrheit oder eine bedeutende Minderheit einer dominanten Gruppe eine Änderung ihres Status erfährt, der mit einem Einfluss- und Mitgestaltungsverlust einhergeht oder als politische Niederlage empfunden wird. Wenn sie also nicht mehr darüber entscheiden kann, welche Sprache gesprochen wird, welche Gesetze durchgesetzt werden, welche Traditionen verehrt werden. Wenn sie andererseits aber über die Mittel verfügt, auf eigene Faust zu revoltieren, dann sei es nicht mehr weit zur Insurrektion.
Zum Phänomen des gesellschaftlichen Stabilitätsankers »Vertrauen« hat u.a. der Politikwissenschaftler und Professor an der Harvard University, Robert David Putnam, geforscht. Er gilt als einer der einflussreichsten Soziologen der Gegenwart. Im Rahmen seiner Untersuchungen kommt er zum Schluss, dass es einen Zusammenhang zwischen Vielfalt einer Gesellschaft und Misstrauen unter deren Mitgliedern gibt: Je diverser die Gruppe, desto weniger vertrauen sich deren Mitglieder untereinander. Dies gelte in Los Angeles, einer der Städte mit dem größten Bevölkerungs-Mix weltweit, genauso wie im ländlichen Kansas. In sehr diversen Gemeinschaften, so die Analyse Putnams, trauen die Menschen auch nicht mehr anderen, die so sind wie sie. Seine Ergebnisse würden sich unabhängig vom Standort bestätigen, sagte er: Je gemischter die Gesellschaft, desto misstrauischer würden die Leute. Sie zögen sich ins Private zurück, vor allem vor den Fernseher.
Zwar verwies Putnam in Interviews auf den Nutzen der Einwanderung für moderne Gesellschaften, da sie Kreativität und Energie freisetzen könnten. Als Beispiel nannte er in diesem Zusammenhang den überproportional hohen Anteil von Einwanderern unter den US-amerikanischen Nobelpreisträgern. Erfolgreiche Einwanderungsgesellschaften überwänden Putnam zufolge diese schwierige Anfangsphase auf längere Sicht und bildeten eine neue nationale oder kommunale Identität jenseits ethnischer Grenzen aus. Indessen, die europäische Einwanderung in einen leeren Kontinent ohne Sozialsystem Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit der muslimischen Besiedlung europäischer Wohlfahrtsstaaten mit hoher Bevölkerungsdichte und einer mehr als zweitausend Jahre alten gewachsenen Tradition zu vergleichen, ist mehr als vermessen. Der Vergleich ist sogar unangemessen.
Darüber hinaus werde laut Betz die »politische Polarisierung« durch soziale Medien und Identitätspolitik verstärkt. Die digitale Vernetzung tendiere dazu, dass Gesellschaften sich stärker und häufiger isoliert fühlen und sich in engeren Interessengruppen zusammenfänden. Jede dieser Gruppen werde durch sogenannte »Filterblasen« geschützt, in sorgfältig konstruierten Membranen des ideologischen Glaubens, die durch aktive und passive Befeuerung des Medienkonsums ständig verstärkt werden. Was man als »Stammeskonflikte« bezeichnen könnte, ist keineswegs auf die virtuellen Räume des Internets beschränkt. Vielmehr manifestiert es sich auch in physischen Auseinandersetzungen in einem sich selbst verstärkenden Rückkopplungszyklus. Aus den jüngsten Schlagzeilen lassen sich hierfür zahlreiche Beispiele anführen:
- Wenn der Bundesvorsitzende der Partei »Die Linke«, Jan van Aken, Straftaten und Rechtsbruch durch linke Gewalttäter gegen als »rechts« geframte Personen für richtig hält, da sie dem »Gemeinwohl« dienten …
- wenn linke und grüne Politiker, Kirchengemeinden, Gewerkschafts- und Migrationsfunktionäre sowie Anwälte Asylbewerber dazu anstiften, das Bezahlkarten-System auszuhebeln …
- wenn der türkischstämmige »deutsche« Staatsanwalt Yaşar G., Kriminelle der niederländischen Kokain-Mafia immer wieder gewarnt und ihnen Ergebnisse aus Ermittlungsverfahren mitgeteilt hat … (das geschieht, wenn die Gesellschaft in Interessengruppen zersplittert ist, deren Loyalität nicht ihrer nominellen Nation gilt) …
- wenn 47 Prozent hierzulande angesiedelter oder illegal siedelnder Muslime (bzw. Türken) die Gebote des Islam für wichtiger halten als deutsche Gesetze, wenn 32 Prozent von ihnen eine Rückkehr zur Gesellschaftsordnung des Propheten ersehnen und sogar 75 Prozent ein Verbot von Kritik und Inhalten fordern, die angeblich ihren Glauben verletzen …
- wenn die Islam-Expertin und Ethnologin Susanne Schröter regelmäßig unter Polizeischutz steht, … wenn der Schriftsteller und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad eine engmaschige 24-Stunden-Rundumbewachung durch eine Spezialeinheit des Landeskriminalamtes Berlin erfährt … wenn die liberale Muslimin Seyran Ates sagt, »ohne Polizeischutz wäre ich längst tot« … wenn auch der Islamforscher Mouhanad Khorchide seit Jahren unter Polizeischutz lebt … wenn Mina Ahadi, die Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, wegen laufender Anfeindungen und Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt werden muss … wenn grundsätzlich jede öffentliche Islamkritik (siehe Mannheim) nur mit viel Polizeibewachung möglich ist …
… dann sind die Schleusen zur heißen Phase eines molekularen Bürgerkriegs nicht nur erreicht, sondern bereits sperrangelweit geöffnet. Vom laufenden, parteipolitisch und ÖRR-medial abgeschirmten Messerdschihad ganz zu schweigen …
Zu diesem gärenden sozialen Mix gesellt sich schließlich noch die wirtschaftliche Dimension, die man nur als äußerst besorgniserregend bezeichnen kann. Nach allgemeiner Einschätzung hat der Westen bereits einen wirtschaftlichen Abschwung eingeleitet, eine längst überfällige, weit dramatischere Wiederholung der Finanzkrise von 2008, verbunden mit den Folgen einer Deindustrialisierung der westlichen Volkswirtschaften. Bemerkenswertes Nebenprodukt ist die fortschreitende »Entdollarisierung« des Welthandels, die durch die Sanktionen gegen Russland noch beschleunigt wurde und auch zu einem rasanten Anstieg der Kosten für Grundgüter wie Energie, Lebensmittel und Wohnraum führte.
In puncto »Finanzialisierung« der Wirtschaft, Schuldenaufnahmen und Konsum ist der Westen am Ende der Fahnenstange angelangt, was bedeutet, dass sich eine riesige Kluft hinsichtlich der Wohlstandserwartungen auftut. Wenn es noch etwas gibt, worüber sich die Fachliteratur in Sachen Revolutionsgründe einig ist, dann ist es die Gefahr, die von enttäuschten Erwartungen der Bürger ausgeht. Bislang wurde in solchen Situationen reflexhaft mit »Brot und Spiele« als altbewährtem Ausweg versucht, den »Mob« von seiner eigenen Misere abzulenken. Doch heutzutage lässt die Wirkung beider Methoden rapide nach, insbesondere dann, wenn selbst der einfache Konsum immer unerschwinglicher und die billige Unterhaltung immer teurer wird. Da dürften auch Billionenschulden – nach einem kurzen Strohfeuer – nichts mehr ändern.
Zusammenfassend meint Betz, dass bis vor einer Generation fast alle westlichen Länder weitgehend geschlossene Nationen waren, die jeweils ein mehr oder weniger ausgeprägtes Gefühl einer gemeinsamen Identität besaßen und ein gemeinsames Erbe bewahrten. Im Gegensatz dazu sind heute fast alle Staaten des Westens unzusammenhängende politische Einheiten, vereinzelte Puzzlestücke konkurrierender identitätsbasierter Stämme, die größtenteils in praktisch getrennten Parallelgesellschaften leben und immer offensichtlicher und gewalttätiger um die schwindenden gesellschaftlichen Ressourcen konkurrieren. Darüber hinaus stecken ihre Volkswirtschaften in einem strukturellen Elend fest, das nach Ansicht sachkundiger Beobachter unweigerlich zum systemischen Zusammenbruch führt.
Des Weiteren ist Betz der Meinung, das Beste, was dem Westen angesichts dieser Lage widerfahren könne, sei das Niveau der Abscheulichkeiten der zentralamerikanischen Bürgerkriege der 1970er und 1980er Jahre. In einem solchen Fall sei zumindest dem Teil der Bevölkerung ein »normales« Leben möglich, der reich genug ist, sich vor den Schauplätzen politischer Attentate, vor Todesschwadronen, staatlicher Repressalien sowie vor einer blühenden Kriminalität abzuschotten, die typisch für implodierende Gesellschaften seien.
Wenn der Extremismus in allen möglichen Gemeinschaften sichtbar wird
In den letzten dreißig Jahren hat sich der Westen überflüssigerweise in Bürgerkriege überall auf der Welt eingemischt. Er hätte lernen können, dass es unmöglich ist, eine geeinte und zugleich vielfältige Gesellschaft aufrechtzuerhalten, wenn Nachbarn damit beginnen, die Kinder des jeweils anderen zu entführen und mit Schlagbohrmaschinen zu ermorden, die Kultstätten der anderen in die Luft zu jagen, Lehrer oder Religionsführer der anderen abzuschlachten und bei Gottesdiensten unter den Gläubigen Massaker zu verüben. Ungefähr 75 Prozent der Bürgerkriege nach dem Kalten Krieg waren ethnisch und/oder religiös fundiert.
In der wissenschaftlichen Literatur werden die Szenarien möglicher künftiger Bürgerkriege im Westen angedeutet. Demnach ist nicht, wie im US-amerikanischen Sezessionskrieg (1861-1865), mit dem Zusammenprall schlagkräftiger Heere auf den Schlachtfeldern zu rechnen. Das gegenseitige Schlachten wird vielmehr als ein Kampf aller gegen alle vermutet, ein Kampf zwischen Nachbarn, entlang der Bruchlinien des Glaubens (bzw. Ideologie), der Rasse (Hautfarbe) und der Religion.
Die Natur der Religion bzw. des Glaubens ist eine nähere Betrachtung wert. Denn im Wesentlichen handelt es sich bei der Religion bzw. dem Glauben, um die es geht, um die Akzeptanz der Grundsätze einer jeweils spezifischen »Identitätspolitik« durch alle gesellschaftlichen Gruppen hindurch.
Identitätspolitik kann als eine Politik definiert werden, in der Menschen mit einer bestimmten eigenen rassischen, religiösen, ethnischen, sozialen oder kulturellen Identität dazu neigen, ihre Partikularinteressen oder Anliegen ohne Rücksicht auf die Interessen oder Anliegen der Allgemeinheit zu verfolgen. Sie ist offenkundig postnational. Vor allem deshalb sind nach Ansicht von Betz künftige Bürgerkriege im Westen nicht nur wahrscheinlich, sondern praktisch unvermeidlich.
Die Zukunft europäischer und deutscher Städte?
Die Städte werden fallen
Der Bürgerkrieg der Zukunft wird hauptsächlich in städtischen Ballungsräumen ausgetragen. Die Siedlungsmuster der Einwanderer weisen eine klare Stadt-Land-Differenz auf. Die Städte sind grundsätzlich heterogener durchmischt als das Land bzw. die Landbevölkerung. Daraus lässt sich logischerweise schlussfolgern, dass Bürgerkriege im Westen, die über ethnische Trennlinien hinweg toben, ein deutliches Stadt-Land-Gefälle haben werden.
Unruhen in den Städten sind praktisch unvermeidlich und werden wahrscheinlich durch die gleichzeitige Abwanderung der Menschen aus den Städten in vermeintlich sichere Gebiete noch verstärkt.
Viele Städte sind bereits infrastrukturelle Ruinen. Die Verwahrlosung des öffentlichen Raums ist oft so prekär, dass es nur eines kleinen Stoßes bedarf, um sie [die Infrastruktur] zu zerstören. Kurz gesagt, das ist die strategische Logik, die heute von politischen Extremisten jeder politischen Couleur, insbesondere von Antifa, Autonomen und Terroristen, offen zur Schau gestellt wird. Sie beabsichtigen, den Zusammenbruch der heterogenen Großstädte herbeizuführen und kaskadierende Krisen auszulösen, die zu einem Systemversagen und einer Zeit des Massenchaos führen, die sie in der relativen Sicherheit der relativ homogenen, abgeschiedenen ländlichen Regionen auszusitzen beabsichtigen.
Die größte Gefahr besteht mithin in der Verwundbarkeit der Infrastruktur gegenüber jeder Art von Angriffen, gegen die sie ungeschützt ist (und wahrscheinlich auch nicht geschützt werden kann). Verwundbar ist das Stromnetz ebenso wie das Kommunikationsnetz. Die Verkehrsinfrastruktur ist nicht nur stark heruntergekommen. Auch die vielen Brücken und Tunnel stellen bekannte Engpässe dar, die leicht angegriffen werden können. Darüber hinaus basieren die Lieferketten der Lebens- und Arzneimittelversorgung auf Just-in-time-Netzwerken, die äußerst störanfällig sind. Den meisten modernen Stadtbewohnern steht nur ein begrenzter Lebensmittelvorrat für wenige Tage zur Verfügung.
Eine weitere, wichtige Infrastruktur ist die Informationsinfrastruktur. Sie hat mindestens drei miteinander verbundene Aspekte oder Ebenen. Erstens wird es Angriffe auf die Informationsinfrastruktur geben, mit der Absicht, die Kommunikation über die normalen Medien zu unterbinden. Damit werden die Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung verstärkt, vom Informationsgeschehen abgekoppelt zu werden. Zugleich werden die Bemühungen der Regierung untergraben, auf mehrere und sich überlagernde Krisen zu reagieren. Wie im Transport- und Energiebereich ist dies nicht besonders schwierig, da die Infrastruktur kaum bewacht, weitverbreitet und gut bekannt ist.
Wie ernst die Lage ist, macht ein Detail beim Bahnprojekt Stuttgart 21 deutlich. Zum Schutz der Stellwerke (Weichen) vor Sabotage werden die benötigten Leitungen dreifach redundant unterirdisch verlegt. Auch die überall aufgestellten »Merkelpoller« (z.B. Betonklötze, im Boden befestigte Pfähle oder Pfosten) sind ein Alarmsignal. Heute wird praktisch jede größere Veranstaltung, jeder Weihnachtsmarkt und jedes Volksfest von ihnen gesäumt und abgesperrt – aufgrund einer anhaltenden Bedrohungslage, die konkret zu adressieren allerdings mit gesellschaftlicher Ächtung verbunden ist. Normal funktionierende Gesellschaften bräuchten keine, auf solche Fälle ausgerichtete Abwehrmechanismen. Es hätte keinen Sinn. Darüber hinaus wäre dies mit vermeidbar hohen Kosten verbunden.
Im Falle ernsthafter Angriffe auf die kritische Transport- und Logistikinfrastruktur stünden die Sicherheitsbehörden vor einer gigantischen Herausforderung an gleich zwei Fronten. Erstens müssten sie ein riesiges und verteiltes System schützen, das im Allgemeinen unbewacht und extrem anfällig gegenüber Angreifern ist, die die Schwachstellen genau kennen. Zweitens müssten sie gleichzeitig versuchen, die soziale Kontrolle über die Städte voll hungriger, frierender, wütender, verängstigter und sozial atomisierter Menschen aufrecht zu erhalten, die buchstäblich und im übertragenen Sinne plötzlich in die Dunkelheit gestoßen wurden.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Westen während der letzten drei Jahre Hunderttausende nicht deklarierter hochmoderner Kriegswaffen, darunter tragbare Flugabwehr- und Panzerabwehrraketen, in die Ukraine lieferte, die sich mitten in einem Bürgerkrieg befindet. Die Grenze, die Europa von diesem Gebiet »trennt«, ist eine der für den Schmuggel durchlässigsten Grenzen weltweit.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bürgerkriege, die dem Westen bevorstehen, ethnische Grenzen aufweisen werden, was angesichts der relativen Verteilung der Bevölkerungsgruppen stark darauf schließen lässt, dass sie einen ausgeprägten ländlichen bzw. städtischen Charakter haben werden. Ihre strategische Logik wird darin bestehen, durch Angriffe auf die Infrastruktur die Zerstörung von Metropolen herbeizuführen, um ein kaskadierendes Systemversagen zu verursachen, das zu unkontrollierbaren Unruhen führt und einen weiteren raschen Niedergang nach sich zieht. Die angewandten Taktiken sind plausibel, da die Stabilität moderner Städte selbst in den besten Zeiten fragil ist, eine Tatsache, die von angesehenen Wissenschaftlern festgestellt wurde und die angehende Revolutionäre einfach erkannt haben. In den kommenden »unruhigen Zeiten«, die von einem Aggregatzustand höchster Entropie gekennzeichnet sein dürften, werden viele Einkommensquellen, die im alten »fordistischen Zeitalter« noch stabil waren, sich in Luft auflösen. Dies betrifft die Renten genauso wie die Pensionen, Dividenden aus vielen Anlagen, Löhne und Gehälter sowie die Gewinne der KMUs.
Anmerkung: Auch wenn David Betz von der Zwangsläufigkeit seiner prognostizierten Szenarien ausgeht, heißt das nicht, dass sie tatsächlich eintreten (müssen). Vielmehr steht damit der Anspruch im Raum, darüber nachzudenken, was getan werden muss, um sie zu verhindern. Zu verzögern. Oder zumindest abzumildern.
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