Der Westen am Kipppunkt?
In einem Interview zeichnet der chinesisch-kanadische Historiker und Bildungsautor Professor Xueqin Jiang eine düster-prägnante, historisch informierte und analytisch geschärfte Diagnose: Die westliche Welt – allen voran das angloamerikanische Imperium mitsamt EU-Europa – befinde sich in einer Phase des erheblich beschleunigten Niedergangs. Ursache sei ein Zusammenspiel aus kultureller Ermüdung, ökonomischer Fehlentwicklung, extremistischen ›Eliten‹¹, politischer Polarisierung und einem gefährlichen Verlust strategischer Urteilsfähigkeit. Jiang greift dabei auf historische Muster und bekannte Theorien von Peter Turchin, Thomas Piketty und Oswald Spengler zurück.
Drei Grundindikatoren des Aufstiegs – und des Verfalls
Jiang argumentiert, dass sich der Zustand einer Zivilisation an drei Variablen ablesen lasse: Energie (d.h. Tatkraft, Entschlossenheit, Leistungsfähigkeit), Offenheit (Lern- und Selbstkritikfähigkeit) und Zusammenhalt (soziale Kohäsion, Vertrauen). Auf dieser Dreiteilung gründen alle weiteren Beobachtungen. Aufstiegsmächte seien stets durch hohen Arbeitseifer, Selbstkorrekturfähigkeit und starke soziale Kohäsion gekennzeichnet. Heute seien diese drei Säulen im Westen massiv erodiert. Junge Menschen seien weniger bereit, harte Arbeit zu leisten, viele suchten Karrierewege über Soziale Medien (z.B. als »Influencer«) statt über klassisch-wertschöpfende Tätigkeiten – ein Symptom mangelnder gesellschaftlicher »Energie«. Gleichzeitig gehe die Offenheit für Debatten und Widerspruch zurück – sichtbar etwa in Universitäten mit DEI-Diskursen², Cancel Culture (Zensurkultur), Coronamaßnahmen, Tabuisierung geopolitischer Diskussionen sowie aktuellen politischen Diskursverweigerungen. Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt sei durch Polarisierung und Identitätspolitik unwiderruflich zerbrochen. Die Folge sei eine politisch-mediale Rhetorik, die Narrativen Vorrang vor Realpolitik gebe.
²DEI: Abkürzung für Diversity, Equity, and Inclusion (Diversität, Gleichstellung und Inklusion).
Warum der Westen seine Jugend nicht mehr mobilisieren kann
Für Jiang ist die Arbeitsverweigerung oder -unlust vieler junger Menschen ein zentrales Warnsignal. In einer globalen Konkurrenzphase, in der die Produktion in der Realwirtschaft wieder wichtiger wird, fehlen im Westen die Menschen, die überhaupt noch dauerhaft in der Industrie arbeiten wollen. Viele junge Menschen im Westen würden Arbeit und Lebensentwürfe anders als noch die Boomer- und Kriegsgeneration priorisieren – nämlich Streaming, Gaming, Influencer-Karrieren statt lebenslanger Fabrikarbeit oder industrieller Produktion. Das heißt, »Reshoring-Initiativen«, also Bemühungen zur Rückverlagerung von Produktionsstätten und Dienstleistungen aus dem Ausland zurück ins Heimatland mit anschließender Re-Industrialisierung (statt Deindustrialisierung), scheitern bereits daran, dass kaum jemand noch bereit ist, 40 Jahre lang körperlich anstrengende Arbeit zu leisten. Diese Entwicklung bedrohe nicht nur das Wachstum, sondern auch die Fähigkeit eines Staates, seinen Lebensstandard zu sichern.
Turchin, Piketty, Spengler – Die drei »apokalyptischen Reiter« der Krise
Im Interview entfaltet Jiang ein analytisches Dreieck ökonomischer, politischer und historischer Theorien:
- Peter Turchin³ – Elitenüberproduktion: Wächst eine Gesellschaft, produziert sie mehr Menschen mit Eliteansprüchen, doch die Zahl der Machtpositionen bleibt begrenzt. Überzählige Eliten beginnen, sich gegenseitig zu bekämpfen – teils bis hin zum Bürgerkrieg, wie das antike Rom oder das revolutionäre Frankreich (1789-1799) zeigten. Heute sieht Jiang diesen Mechanismus in den USA (und in der EU) erneut am Werk: Die Tech-Oligarchen auf der einen und die Finanzelite auf der anderen Seite ringen um die politische Vorherrschaft.
- Thomas Piketty⁴ – Finanzialisierung: Das Kapital wandert dorthin, wo die Renditen hoch sind – und das ist seit Langem die (parasitäre) Finanz- und Technologiespekulation, nicht die produktive Realwirtschaft. Die Folge: Monopole, Spekulationsblasen, Rentenökonomien und eine Entkopplung der Finanzwelt von produktivem Wohlstand. Datenzentren und KI-Hypes verschlingen Billionen, ohne gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen. Nach Medienberichten gibt etwa OpenAI jährlich 620 Milliarden US-Dollar allein für die Anmietung von Rechenzentrumskapazitäten aus – bei einem Jahresumsatz von 13 Milliarden Dollar, um seine KI-Modelle zu betreiben.
- Oswald Spengler⁵ – Der organische Zyklus des Untergangs: Zivilisationen altern und sterben wie Lebewesen. Für Jiang ist dieses Modell besonders beunruhigend, weil die westliche Welt Anzeichen eines kulturellen Erschöpfungsstadiums zeigt.
Diese Modelle ergänzen einander: Turchin spricht politisch-sozial, Piketty ökonomisch, Spengler meta-historisch – zusammen ergeben sie laut Jiang ein dichtes Erklärungsmuster für die gegenwärtigen Schwächen: ökonomischer Stillstand, politischer Verfall durch elitären Extremismus und kulturelle Müdigkeit.
³Peter Turchin ist ein russisch‑amerikanischer Populationsbiologe und Historiker, der historische Prozesse mit mathematischen Modellen zu erklären versucht und daraus Zyklen politischer Stabilität und Instabilität ableitet. Zentral ist seine »Structural Demographic Theory«, in der er demografische, ökonomische und politische Variablen kombiniert, um Phasen von Ordnung, Krise und Zerfall in Großreichen zu beschreiben. Unter »Elitenüberproduktion« versteht Turchin eine Situation, in der eine Gesellschaft mehr potenzielle Eliten (gut ausgebildete, ehrgeizige Menschen mit Anspruch auf Status, Einfluss und gut bezahlte Positionen) hervorbringt, als sie in entsprechenden Macht‑ und Prestigepositionen aufnehmen kann. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb innerhalb der Eliten, es entstehen frustrierte Gegen‑Eliten, und die Konflikte zwischen Eliten und Gegen‑Eliten können sich mit materieller Not breiter Schichten zu einer destabilisierenden, bisweilen revolutionsähnlichen Dynamik verbinden. Empirisch stützen historische Beispiele und manche aktuellen Trends (z.B. viele ambitionierte Nachwuchspolitiker bei begrenzten Spitzenposten) seine These, zugleich wird kritisiert, dass komplexe politische Entwicklungen kaum monokausal aus Elitenkonkurrenz und Demografie erklärt werden können.
⁴Thomas Piketty ist ein französischer Ökonom, der durch sein Werk »Das Kapital im 21. Jahrhundert« (2013) weltweite Bekanntheit erlangte. Seine zentrale These lautet: Wenn die Rendite auf Kapital dauerhaft höher ist als das Wirtschaftswachstum, führt dies zu wachsender Vermögensungleichheit, da Kapitalbesitzer ihr Vermögen schneller vermehren als die Gesamtwirtschaft wächst. Piketty stützt seine Analyse auf umfangreiche historische Daten über Vermögens- und Einkommensverteilung aus mehreren Jahrhunderten. Er argumentiert, dass die verhältnismäßig egalitäre Nachkriegszeit (1945-1980) eher eine historische Ausnahme war, verursacht durch Weltkriege und progressive Steuerpolitik, während Ungleichheit der historische Normalzustand kapitalistischer Gesellschaften ist. Als Gegenmaßnahme schlägt er eine globale Vermögenssteuer und höhere Grenzsteuersätze für Spitzenverdiener vor. Seine Arbeit wird in der ökonomischen Zunft kontrovers diskutiert – von manchen als bahnbrechende Analyse gefeiert, von anderen wegen methodischer Fragen und seiner politischen Schlussfolgerungen kritisiert. Piketty hat die Debatte über Vermögensungleichheit aber zweifellos neu belebt und in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Diskussion gerückt.
⁵Oswald Spengler (1880-1936) war ein deutscher Geschichtsphilosoph und Kulturkritiker, der durch sein monumentales Werk »Der Untergang des Abendlands. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte« (1918-1922) weltberühmt wurde. Im Gegensatz zur gängigen Vorstellung eines linearen Fortschritts der Menschheit betrachtet Spengler die Geschichte als eine Abfolge von völlig eigenständigen, in sich geschlossenen Hochkulturen – etwa die ägyptische, die babylonische, die indische, die chinesische, die antike (apollinische), die arabisch-magische, die mesoamerikanische und die abendländische. Jede dieser Kulturen verhält sich für ihn wie ein lebendiger Organismus: Sie wird geboren, durchläuft eine Jugend- und Reifephase höchster schöpferischer Kraft, tritt dann in eine späte, verhärtete Zivilisationsphase ein und stirbt schließlich zwangsläufig ab. Dieser Zyklus ist schicksalhaft und lässt sich weder aufhalten noch moralisch bewerten. Die abendländische Kultur, die Spengler als »faustisch« bezeichnet, begann um das Jahr 1000 mit der romanischen und gotischen Epoche. Ihr Wesen ist das Streben ins Unendliche, der Wille zur Tiefe, zur Ferne und zur Überwindung des bloß Sichtbaren – sichtbar in der Gotik, der Perspektive der Malerei, der abendländischen Harmonielehre und schließlich in der modernen Technik und dem Weltraumgedanken. Seit dem 19. Jahrhundert jedoch ist diese Kultur nach Spengler in die Zivilisationsphase eingetreten: Die echte schöpferische Kraft erlischt, Religion und große Kunst verkümmern, Demokratie und Parlamentarismus erweisen sich als vorübergehende Formen, die in Geldherrschaft und Cäsarismus münden, und die Gesellschaft wird zunehmend rationalistisch, materialistisch und steril. Der »Untergang des Abendlandes« ist daher kein zufälliges Unglück, sondern der natürliche Tod einer ausgereiften Kultur, vergleichbar mit dem Übergang der antiken Welt in das römische Kaisertum. Spenglers Buch erschien kurz nach dem Ersten Weltkrieg und wird heftig kritisiert – vor allem wegen seines scheinbar starren Determinismus, der oft erzwungen wirkenden Analogien und des Mangels an empirischer Belegbarkeit. Gleichzeitig prägte es Generationen von Denkern: von Arnold Toynbee über die ›Konservative Revolution‹ bis hin zu Teilen der späteren Kulturkritik der 68er und heutigen Zivilisationskritikern. Politisch stand Spengler rechts, lehnte aber den Nationalsozialismus entschieden ab. Zusammengefasst bleibt Oswald Spengler der vielleicht einflussreichste »Untergangsprophet« des 20. Jahrhunderts – ein Denker, der die Geschichte als großes, zyklisches und tragisches Naturschauspiel verstand und den modernen Westen als sterbende Zivilisation diagnostizierte. Sein Werk polarisiert bis heute, wirkt aber in Zeiten wiederkehrender Krisenstimmung erstaunlich aktuell, etwa in Debatten über den »Decline of the West«.
Finanzkrise, Elitenabschottung und der Verlust strategischer Rationalität
Ein großer Teil des Niedergangs liege laut Jiang in der nachträglichen »Rettung« der Finanzelite infolge der Finanzkrise 2008 begründet. Statt das System zu reformieren, wurden die Verantwortlichen belohnt und gerettet. Statt strukturelle Korrekturen vorzunehmen habe die Politik die Probleme durch noch mehr Verschuldung und Liquidität nur verschoben. Jiang schildert die Folge als Zentralisierung von Vermögen, Deregulierung, »too big to fail« und politische Vereinnahmung – kurz: eine Entwicklung, die Mittelschichten entmachtet und soziale Spannungen nährt. Als konkrete Kennzahlen nennt er beispielsweise die Staatsverschuldung der USA von früher rund neun Billionen auf mittlerweile zirka 38 Billionen US-Dollar als Indikator dafür, dass dieselben Instrumente nicht mehr wirken würden. Doch die politische Funktionselite habe sich seither vollständig abgeschottet und sei kaum noch in der Lage, reale Bedrohungen oder geopolitische Dynamiken objektiv einzuschätzen. Sichtbar sei dies an den westlichen Fehleinschätzungen gegenüber Russland, China oder dem Iran.
Der Ukrainekrieg als selbst gestellte strategische Falle des Westens
Der Krieg in der Ukraine übernimmt für Jiang die Funktion eines Prüfsteins: Die NATO sei seit Anfang an wesentlich tiefer involviert als öffentlich eingeräumt (Waffen, Aufklärung, Spezialkräfte), wodurch Europa in eine unauflösliche Bindung in den Krieg hineingeraten sei. Die politische und mediale Deutung sei jedoch so stark ideologisch aufgeladen, dass eine sachliche Analyse unmöglich geworden ist. Russland kämpfe hingegen aus der Sicht vieler Russen um die Existenz und die eigene Sicherheit – mit höherer Motivation und Kohärenz. Jiang hält einen russischen Sieg und die Einnahme Odessas für wahrscheinlich und glaubt, dass dieser Fall einen Schockmoment für die westliche Ordnung darstellen würde und das Ende des Konflikts ein Zerbrechen westlicher strategischer Kohärenz bedeuten könnte.
China und die USA: Rivalität mit eingebauter Abhängigkeit
Anders als mit Russland sieht Jiang die Beziehung zwischen den USA und China als potenziell »stabilisierbar« an. Beide Volkswirtschaften seien tief miteinander verflochten. China biete Produktionskapazitäten, die der Westen schlicht nicht ersetzen könne. Daher erwartet Jiang mittelfristig eine pragmatische Annäherung – sofern die USA in einen rationaleren Modus zurückfinden.
Revolution oder Bürgerkrieg – wenn zu viele Eliten um zu wenige Positionen ringen
Durch die Abkapselung der Funktionseliten aus Politik, Universitäten, NGOs und Medien entsteht Populismus: Wenn politische Eliten in einer Blase leben und Reformen blockieren, öffnen sie das politische Feld für Demagogen, die einfache Antworten und symbolische Brüche versprechen.
Jiang zieht Parallelen zu den »Gracchischen Reformen« und dem Aufstieg Caesars. Demnach erinnere ihn die Entwicklung an Rom nach den Punischen Kriegen im Jahre 146 v.u.Z. Damals sei Rom zwar unangefochtener Herrscher des Mittelmeers gewesen, habe aber eine Kriegsmaschinerie aufgebaut, die aus eigenem Antrieb immer neue Feldzüge produzierte. Der Grund dafür sei gewesen, dass die römische Wirtschaft auf Krieg beruhte. Der Adel habe Kriege begonnen, um Sklaven zu erbeuten, die anschließend dessen Güter bewirtschafteten. Die dafür zum Kriegsdienst eingezogenen Bauern hätten ihr eigenes Land nicht mehr bestellen können, seien in Schulden geraten und hätten es schließlich verpfändet. Viele seien im Krieg gefallen, wodurch ihre Familien das Land verloren hätten. So habe der Adel große Flächen zusammengezogen, während aus der Bauernschaft eine abhängige Pächterklasse geworden sei. Viele dieser Menschen seien gezwungen gewesen, nach Rom abzuwandern, wo sie als instabile Masse in der Stadtgesellschaft den Populismus beförderten.
Als erste große Reformer habe man später die Brüder Gracchus betrachtet, insbesondere Tiberius Sempronius Gracchus. Dessen Programm sei, so meinte Jiang, eines der vernünftigsten Reformprojekte der Geschichte gewesen. Gracchus habe lediglich darauf hingewiesen, dass die bäuerliche Bevölkerung ihr Land verloren habe, während der römische Staat über brachliegendes öffentliches Land verfügte. Dieses solle wieder an die Bauern verteilt werden, die bereit seien, es zu bewirtschaften. Die Elite habe sich jedoch provoziert gefühlt, weil sie das öffentliche Land wie Privateigentum behandelt habe. Aus dieser Kränkung heraus hätten Adlige Tiberius Gracchus und seine Anhänger erschlagen. Sein jüngerer Bruder, Gaius Gracchus, der die Pläne im Jahr 123 v.u.Z. wieder aufgegriffen hatte, wurde gewaltsam aus Rom vertrieben und ließ sich in aussichtsloser Lage auf der Flucht durch einen Sklaven töten.
Professor Jiang betonte, diese Geschichte zeige deutlich, dass Eliten in solchen Systemen zu Arroganz und Reformunwilligkeit neigten. Wer Veränderungen vorschlage, riskiere sein Leben. Dadurch entstehe ein Vakuum, das Abenteurern und Demagogen ermögliche, den Unmut des Volkes gegen die Elite zu richten. In Rom habe dieser Prozess schließlich den Aufstieg Julius Caesars begünstigt und in das Zeitalter der Römischen Bürgerkriege geführt.
Das erkläre für ihn Phänomene wie die Wahl Donald Trumps: Viele Wähler wollten »einen Knüppel in die Speichen des Systems« werfen, nicht unbedingt, weil die Politik der Populisten überlegen wäre, sondern um sichtbar auf ihre Existenznot aufmerksam zu machen.
Besonders drastisch ist die daraus von Jiang abgeleitete Beschreibung der Konsequenzen aus Turchins »Theorie der Elitenüberproduktion« (Elite overproduction): Wenn Reformen blockiert, Ungleichheiten extrem und politische Spannungen unlösbar werden, folgen historisch fast immer Revolutionen oder Bürgerkriege. Jiang betont, dass solche Ereignisse nicht ideologisch motiviert sein müssten, sondern als »Reset-Mechanismus«, als Neustart, wirkten: Überzählige und dysfunktionale Eliten werden durch katastrophale Gewalt oder einen Systemkollaps beseitigt. Erst danach entstehe wieder Raum für eine neue, kleinere und stabilere Elite, die Energien bündeln könne. Der Westen stehe heute genau vor dieser strukturellen Falle. Der im Westen, insbesondere auch in Europa, sichtbare Extremismus der Funktionseliten mit seinen dauerhaften Kriegserklärungen gegen das Volk, feuere den eigenen Untergang beständig an.
Jiang verweist darauf, dass nahezu alle großen historischen Wendepunkte – römische Bürgerkriege, Französische Revolution, der US-amerikanische Bürgerkrieg und der »Lange Marsch« innerhalb des Chinesischen Bürgerkriegs – durch eine vorherige Überfüllung der oberen Gesellschaftsschichten ausgelöst wurden. Heute zeige sich dasselbe Muster in den USA und EU-Europa, wo verschiedene Oligarchengruppen bereits in offenen politischen Konflikt eingetreten seien. Wenn die Eliten nicht reformieren, werde Gewalt am Ende die Funktion übernehmen, die politische Ordnung zu erneuern.
Ausblick – Ein Jahrzehnt der Entscheidung
Das Interview verdichtet historische Vergleiche, ökonomische Analysen und geopolitische Prognosen zu einem stringenten Narrativ.
Eine der markantesten Prognosen des Professors ist die Erwartung, dass transnationales Kapital Israel als Investitions- und Infrastrukturnetzwerk begünstigen könnte – Jiang spricht vom möglichen Aufstieg einer Art »Pax Judaika«, getragen von Finanzinteressen, Rechenzentren, KI-Infrastruktur und geopolitischen Bündnissen im Nahen Osten. Er sieht Kapitalallokation als treibende Kraft: in einem fragmentierten, verschuldeten Westen könne Israel ein sicherer Hafen für Investitionen sein. Diese These verbindet geopolitische, ökonomische und ideelle Elemente und ist sowohl spekulativ und provokant als auch wertend – sie gehört zu den radikaleren Aussagen des Interviews.
Für Professor Jiang deuten indessen alle historischen Indikatoren auf einen raschen Niedergang innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre, wobei die Mechanismen variieren: Elitenkonflikte (Turchin) könnten in gewaltsame Umbrüche münden; »Piketty-Logiken« könnten zu wachsender Rentenökonomie und Produktivitätsverlust führen und »Spengler-Perspektiven« deuten schließlich auf unumgängliche Zyklen.
Auswege seien kaum erkennbar, weil die usurpatorischen Funktionseliten die Realität nicht mehr wahrnehmen, zur Selbstreinigung offenbar nicht motiviert sind und notwendige Korrekturen blockieren. Doch gerade darin liegt seine Warnung: Wer nicht rechtzeitig reformiert, riskiert, dass die Gesellschaft die Lösung erzwingt – durch Revolution, Systemsturz oder innere Gewalt. Das Fenster für eine friedliche Neuausrichtung schließe sich langsam, aber sicher.
¹Nachtrag: Definition des »Extremismus der Eliten«
Das Mindset der heutigen Funktionseliten in Politik, Justiz, Universitäten, Medien und NGOs, die sich selbst als auserwählte Elite betrachten, ist geprägt von einer moralischen und intellektuellen Überlegenheitsattitüde, die sich als kosmopolitische Avantgarde (›Anywheres‹) versteht und traditionelle, nationale oder lokale Bindungen der Mehrheitsgesellschaft (›Somewheres‹) als rückständig, unaufgeklärt oder illegitim abwertet. In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sie sich nicht als Diener des Souveräns, sondern als pädagogische Instanz, die dazu berufen ist, die Gesellschaft im Sinne einer postnationalen und postmodernen Ideologie zu transformieren, wobei abweichende Meinungen oft nicht als legitimer Diskurs, sondern als moralisches Defizit betrachtet werden.
Durch die Absicherung in staatsnahen, steuerfinanzierten Sphären und die starke Konkurrenz untereinander (›Elitenüberproduktion‹) entsteht ein selbstreferenzielles Milieu, das sich gegen Kritik immunisiert, indem es die eigene Blase als alleinigen Träger von Vernunft und Wissenschaftlichkeit definiert. Diese Entkopplung führt zu einer strukturellen Reformunfähigkeit, da das eigene Weltbild als alternativlose Wahrheit gilt und das Verständnis für die Lebensrealitäten und Sorgen der breiten Bevölkerung kulturell verloren gegangen ist.
Mit dem Konzept der ›Elitenüberproduktion‹ beschreibt der Biologe und Komplexitätsforscher Peter Turchin einen Zustand, in dem eine Gesellschaft mehr universitäre, machtambitionierte Anwärter produziert, als Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft verfügbar sind. Es ist vergleichbar mit einer aggressiven Variante der »Reise nach Jerusalem«: Wenn die Musik aufhört, gibt es viel zu viele Spieler für zu wenige Stühle.
Es kommt zu innerelitären Konflikten, der Wettbewerb um Status wird toxisch. Die Eliten hören auf zu kooperieren und beginnen, politische Normen zu brechen, um ihre Pfründe zu sichern. Dieser Prozess führt zur Entstehung von Gegen-Eliten. Die »überzähligen«, frustrierten Aspiranten (oft Akademiker ohne den erwarteten ökonomischen Aufstieg) fühlen sich um ihren Status betrogen. Sie radikalisieren sich und mobilisieren als Gegen-Eliten die unzufriedene Bevölkerung gegen das Establishment, oft unter Nutzung extremer Ideologien. Am Ende steht der Staatszerfall. Denn eine solche Dynamik führt historisch fast immer zu einer Lähmung der Institutionen, gewaltsamen Unruhen und im Extremfall zum Kollaps der staatlichen Ordnung, da der gesellschaftliche Grundkonsens vollständig erodiert.
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