Totalitarismus der Masse aus dem Ungeist moralischer Selbstgewissheit
In einem Gespräch mit dem Schweizer Historiker Pascal Lottaz erläuterte der belgische Psychologe Mattias Desmet seine Theorie zu Massenpsychologie und Totalitarismus, wie er sie in seinem Buch Die Psychologie des Totalitarismus ausführlich beschreibt. Im Zentrum steht die These, dass totalitäre Bewegungen nicht nur von Machtapparaten ausgehen, sondern vor allem aus psychologischen Prozessen in der Bevölkerung selbst entstehen.
Wenn Wissenschaft wackelt
Desmets Ausgangspunkt ist überraschend wissenschaftskritisch. Er beschreibt, wie er während seiner Promotion in der Psychologie auf ein grundlegendes Problem stieß: Viele Messverfahren seien in der Lage, scheinbar präzise Zahlen zu produzieren, aber nicht unbedingt verlässliche Erkenntnisse. Wenn dasselbe psychologische Merkmal auf unterschiedliche Weise gemessen werde, entstünden oft stark abweichende Resultate. Für ihn war das ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Forschung zwar formal korrekt erscheinen könne, aber inhaltlich fragwürdig bleibe.
Wörtlich: »Mehr als 85 Prozent der wissenschaftlichen Arbeiten lassen sich nicht reproduzieren«, (siehe auch: »Die Hälfte der Sozialwissenschaften steht auf wackeligem Fundament«). Daraus leitet er eine breitere Diagnose ab. Die sogenannte Replikationskrise zeige, dass ein erheblicher Teil wissenschaftlicher Arbeiten nicht zuverlässig reproduzierbar sei. Wissenschaft verliere damit einen Teil ihrer Autorität, wenn Ergebnisse zwar veröffentlicht, aber später nicht bestätigt werden könnten. Desmet nutzt dieses Problem nicht, um Wissenschaft pauschal zu verwerfen, sondern um zu zeigen, wie leicht auch akademische Systeme an ihren eigenen Gewissheiten festhalten. Gerade in den Sozialwissenschaften, so seine Warnung, könne methodische Unsicherheit mit institutioneller Selbstsicherheit verschmelzen.
Die Macht der Masse
Aus dieser Erfahrung entwickelt Desmet seine Theorie der Massenbildung als einer Art kollektiver Psychose. Gemeint ist damit ein Zustand, in dem Menschen ihre kritische Distanz verlieren und sich emotional mit einer kollektiven Erzählung identifizieren. Eine solche Masse besteht nicht einfach aus vielen Menschen, die zufällig die gleiche Meinung haben. Sie entsteht erst dann, wenn ein starkes gemeinsames Narrativ eine Art psychologischen Sog entfaltet, der individuelles Denken überlagert.
Desmet betont, dass dies nicht nur passive Anpassung ist. Menschen in Massenbildung seien oft erstaunlich bereit, sich selbst zu opfern, Gewalt zu rechtfertigen oder radikale Maßnahmen zu akzeptieren. Gleichzeitig würden sie intolerant gegenüber »Abweichlern«. Wer nicht mitzieht, gilt dann schnell als Bedrohung. Genau darin sieht Desmet die gefährlichste Eigenschaft totalitärer Bewegungen: Sie beruhen nicht bloß auf Zwang von oben, sondern auf innerer Zustimmung großer Teile der Bevölkerung.
Totalitarismus ist mehr als Diktatur
Besonderen Wert legt Desmet auf die Trennung zwischen Diktatur und Totalitarismus. Eine klassische Diktatur funktioniert über offene Gewalt, Drohung und Kontrolle durch eine Machtelite. Totalitarismus dagegen ist für ihn etwas Tieferes: ein psychologischer Zustand der Gesellschaft, in dem ein Teil der Bevölkerung fanatisch an eine Ideologie glaubt und bereit ist, sie aktiv zu verteidigen.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie erklärt, warum totalitäre Systeme oft mit Unterstützung aus der Bevölkerung entstehen können. Sie brauchen nicht nur Polizei und Repression, sondern auch überzeugte Anhänger: »Etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen glauben fanatisch an diese Ideologie und sie sind bereit, ihre Väter, ihre Mütter, ihre Kinder einfach alle beim Staat zu melden, wenn sie der offiziellen Linie nicht folgen.« Desmet verweist auf historische Beispiele wie das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion. Dort habe sich ein Teil der Gesellschaft mit der offiziellen Ideologie identifiziert und sei bereit gewesen, andere zu denunzieren. Totalitarismus lebt in dieser Sicht nicht nur von Angst, sondern auch von moralischer Selbstgewissheit. Und er lebt, mit anderen Inhalten, in unserer Demokratie weiter.
Einsamkeit als Nährboden
Der Kern seiner Theorie liegt in der Einsamkeit. Desmet argumentiert, dass moderne Gesellschaften, spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts, Menschen zunehmend atomisieren. Wenn soziale Bindungen schwächer werden, verlieren viele Menschen nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Sinn. Sie fühlen sich isoliert, orientierungslos und innerlich angespannt. Aus dieser Lage entstehe ein Zustand, den er als frei schwebende Angst, Frustration und Aggression beschreibt.
Dieser Zustand ist für ihn der eigentliche Nährboden von Massenbildung. Menschen, die sich innerlich unruhig und sinnentleert fühlen, suchen nach etwas, das ihre diffuse Spannung erklärt und ordnet. Wenn dann eine öffentliche Erzählung auftaucht, die dieser Angst ein klares Objekt gibt, kann sie enorme Bindungskraft entfalten. Die Masse fühlt sich dann nicht mehr heimatlos, sondern eingebunden. Sie erlebt ein Gefühl von Richtung, Zweck und gemeinsamem Handeln, auch wenn die zugrunde liegende Lage objektiv unverändert bleibt.
Propaganda als Lösung für Angst
Desmet beschreibt Propaganda nicht bloß als Lüge, sondern als psychologisches Angebot. Sie liefert Menschen ein Bild der Welt, das ihre diffuse Angst bündelt und handhabbar macht. Dazu kommt eine Strategie, die verspricht, Kontrolle zurückzugewinnen. Ob diese Strategie sachlich sinnvoll ist, ist aus seiner Sicht zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie emotional wirksam ist.
Das werde beispielsweise an der Pandemiepolitik deutlich. Lockdowns, Masken und ähnliche Maßnahmen erscheinen in dieser Perspektive nicht nur als Gesundheitsinstrumente, sondern auch als kollektive Rituale. Sie erzeugen das Gefühl, gemeinsam gegen eine Bedrohung zu kämpfen. Dadurch entsteht Zusammenhalt, der aber auf Angst basiert, nicht auf echter Verbindung. Die Maßnahme wirkt dann wie ein Symbol kollektiver Handlungsfähigkeit, selbst wenn sie soziale Isolation noch verstärkt.
Warum »gebildete Menschen« so anfällig sind
Besonders provokant ist Desmets These – die jüngst auch der französische Essayist Samuel Fitoussi ähnlich äußerte (»Warum Intellektuelle Unrecht haben«), dass höher Gebildete nicht weniger, sondern oft mehr anfällig für Propaganda seien als Personen mit mittlerer Bildung. Er beruft sich dabei auf Gustave Le Bon und Jacques Ellul. Le Bon hatte bereits im 19. Jahrhundert beschrieben, dass Menschen mit höherem Bildungsgrad keineswegs automatisch resistenter gegen Gruppendenken und Massenhysterie seien. Ellul führte diesen Gedanken später in seiner Propagandatheorie fort.
Desmet erklärt das so: Bildungssysteme lehren häufig nicht eigenständiges Denken, sondern die Übernahme vorherrschender Sichtweisen. Wer lange sozialisiert wird, die Welt auf eine bestimmte Weise zu interpretieren, entwickelt zwar formale Kompetenz, aber nicht unbedingt geistige Unabhängigkeit. Akademische Bildung kann daher paradoxerweise dazu beitragen, Menschen besonders empfänglich für dominante Narrative zu machen. Sie lernen, innerhalb eines etablierten Rahmens sehr präzise zu denken, aber nicht unbedingt, diesen Rahmen selbst zu hinterfragen.
Unsere Demokratie und alte Illusionen
Desmets Totalitarismustheorie enthält auch eine grundsätzliche Kritik an der modernen Demokratie. Er meint, sie sei historisch auf der Annahme aufgebaut worden, der Mensch sei ein vor allem rationales Wesen. Wenn Bürger frei seien, so der Idealgedanke, würden sie vernünftige Entscheidungen treffen. Doch die politische Realität habe früh gezeigt, dass Menschen emotional, suggestibel und gruppenanfällig sind. Deshalb sei moderne Demokratie von Anfang an auf Propaganda angewiesen gewesen.
In dieser Sicht ist Propaganda kein Betriebsunfall der Demokratie, sondern ihr heimlicher Begleiter. Demokratische Systeme müssten Bevölkerungen ständig beeinflussen, um stabile Mehrheiten, politische Loyalität und gesellschaftliche Ordnung zu erzeugen. Der Widerspruch besteht darin, dass Demokratien Freiheit versprechen, aber oft auf psychologischer Steuerung beruhen. Für Desmet ist das kein Randproblem, sondern ein Strukturmerkmal moderner Politik.
Vom Krieg zur Erzählung
Besonders scharf wird seine Analyse dort, wo es um geopolitische Narrative geht. Desmet sieht in aktuellen Konflikten nicht nur politische Interessen, sondern auch emotionale Mobilisierung. Wenn eine Gesellschaft bereits von Angst, Vereinzelung und Sinnverlust geprägt ist, lassen sich auch geopolitische Feindbilder leichter verankern. Menschen übernehmen dann Deutungen, die ihnen moralische Klarheit und kollektive Positionierung bieten.
Dabei wird die Bereitschaft zur Vereinfachung selbst zum Problem. Komplexe Konflikte werden in Gut-und-böse-Schemata übersetzt. Wer Zweifel anmeldet, riskiert Ausgrenzung. Desmet sieht darin ein typisches Zeichen von Massenbildung: Die Gruppe will nicht mehr verstehen, sondern glauben. Das macht sie besonders anfällig für Eskalation, auch bis hin zur Akzeptanz von Krieg.
Die »Rettung« heißt Wahrhaftigkeit
Trotz der düsteren Diagnose endet Desmets Denken nicht im Pessimismus. Sein wichtigster Ausweg heißt Aufrichtigkeit. Wahrheit sprechen, auch wenn sie unbequem ist, schafft aus seiner Sicht einen Bruch in der Logik der Massenbildung. Sie zwingt Menschen, wieder als Individuen aufeinander zu reagieren, statt nur als Träger eines kollektiven Glaubens.
Desmet versteht Wahrheit dabei nicht als bloße Faktensammlung, sondern als ethische Haltung. Wer wahrhaftig spricht, widersetzt sich nicht nur einer falschen Behauptung, sondern auch dem sozialen Druck zur Konformität. Das ist riskant, weil die Masse auf Wahrheit oft mit Wut reagiert. Doch gerade dieses Risiko macht Wahrhaftigkeit für ihn zu einer politischen Tugend. Sie ist das Gegenmittel gegen kollektive Selbsttäuschung, weil sie die Verbindung zwischen Menschen wieder auf eine realere Grundlage stellt.
Ein beunruhigendes Bild der Post-Moderne
In der Summe zeichnet diese Theorie ein unruhiges Bild der Gegenwart. Moderne Gesellschaften erscheinen darin nicht automatisch als Fortschritt gegenüber früheren Formen politischer Ordnung, sondern als fragile Systeme mit großer psychologischer Verwundbarkeit. Wo Einsamkeit wächst, wo Bildung Konformität erzeugt und wo Propaganda emotionale Lücken füllt, können Massenbewegungen entstehen, die demokratische Formen von innen aushöhlen.
Desmet bietet damit keine einfache Verschwörungserzählung, sondern eine Diagnose kollektiver Verwundbarkeit. Sein Blick richtet sich weniger auf »böse Einzelakteure« als auf die Bedingungen, unter denen ganze Gesellschaften anfällig werden. Gerade deshalb wirkt seine Theorie so unbequem: Sie macht Totalitarismus nicht zum exotischen Ausnahmefall, sondern zu einer Gefahr, die aus ganz normalen modernen Zuständen unserer Demokratie hervorgehen kann.
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