{"id":515220,"date":"2025-06-21T21:15:21","date_gmt":"2025-06-21T19:15:21","guid":{"rendered":"https:\/\/infodienst.info\/?p=515220"},"modified":"2025-07-24T18:46:30","modified_gmt":"2025-07-24T16:46:30","slug":"zukunftsoffenheit-zwischen-utopie-und-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infodienst.info\/?p=515220","title":{"rendered":"Zukunftsoffenheit: Zwischen Utopie und Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Zukunft liegt nicht im Dunkeln, aber sie d\u00e4mmert ungewiss hinter manchen Nebelw\u00e4nden. Und heutzutage \u2013 im Spannungsfeld zwischen Irrationalismus, Wahn und Singularit\u00e4t, zwischen Gewalt und Galaxien eingezw\u00e4ngt, ist sie ungewisser, denn je. Einst war sie ein Versprechen, heute \u2013 f\u00fcr viele Menschen \u2013 eine Drohung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Es sind dies Zeilen aus einer Epoche des Aufbruchs und der Zuversicht (1964), aus der Mitte des 20. Jahrhunderts:<\/span><\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00bb &#8230; ein Tiefbohrer [grub] ein tiefes Loch und die Leute betrachteten voller Neugier einen seltsamen, torpedof\u00f6rmigen Gegenstand, der an einem Kran hing, um in das Loch hinabgelassen zu werden. Ich fragte Bradbury, was das sei, und Bradbury erkl\u00e4rte, es sei eine Zeit-Kapsel, so konstruiert, dass sie bis zum Jahr 6965 halten w\u00fcrde. Ich fragte, was eine Zeit-Kapsel sei, und er erkl\u00e4rte, es sei etwas f\u00fcr die Nachwelt: etwas das wir der Nachwelt \u00fcbermittelten, damit sie wisse, dass wir gelebt und wie wir gelebt h\u00e4tten. Ich fragte ihn, aus was sie bestehe, was sie enthalte, und er erkl\u00e4rte, sie bestehe aus Kupfer, Chrom und Silber, zu einem Metall zusammengeschmolzen, das st\u00e4rker sei als Stahl und jeder Erosion, jedem Brand, jeder Atomexplosion standzuhalten verm\u00f6ge. Sie enthalte, durch Elektronensysteme gesch\u00fctzt, Zeugnisse unserer Zivilisation, so wie diese an der Schwelle des Jahres 1965 nach Christus, sozusagen am Vorabend des Mondfluges, in Erscheinung trete, in einer Gesellschaft, in der Schmerz und Tod Leben hei\u00dfen. Ich fragte ihn, was das f\u00fcr Zeugnisse seien, und er antwortete, ein wenig von allem: 35 allgemeine Gebrauchsartikel, ein Damenhut und ein Wecker, eine Sicherheitsnadel und ein Fotoapparat, eine Puppe und ein Skalpell. Und dann 75 Muster von Metallen, Geweben, Plastik, Kunststoffen. Weiter 12 Arten von Samen, von Getreide bis zu Rosen, von Zypressenkernen bis zu Kaffeebohnen. Weiter 1000 Mikrofotografien von Automobilen, Flugzeugen, Raketen, St\u00e4dten, Fahrr\u00e4dern, M\u00e4dchen im Badekost\u00fcm, M\u00fcttern mit Kindern im Arm, Astronauten im Raumfluganzug, M\u00e4rtyrern vor dem Exekutionskommando. Weiter die Encyclopaedia Britannica auf Mikrofilm. Weiter die Bibel, die B\u00fccher des Konfuzius und Mohammeds, dann Texte \u00fcber Medizin, Arzneikunde, Mathematik, Physik, Astronautik, Biologie, alles auf Mikrofilm. Weiter Shakespeare und Homer und Dante und Sappho auf Mikrofilm. Weiter unverbrennbare Fotografien der Meisterwerke von Giotto, Leonardo, Raffael, Michelangelo. Und dann M\u00fcnzen, Zigaretten, Kaugummi. Und dann die Geschichte der letzten f\u00fcnfzig Jahre unseres Planeten, bis zum Apolloprojekt. Und schlie\u00dflich das Buch der Erinnerung, ein grandioses Schl\u00fcsselwerk, mit dessen Hilfe diese geschriebenen Dinge in den k\u00fcnftigen Sprachen gelesen, \u00fcbersetzt und gerettet werden konnten. Da fragte ich verwirrt, wer denn dieses Dechiffriersystem erfunden habe, wer sich das ausgedacht und diese erhabene Arbeit geleistet habe, und er antwortete, das Dechiffriersystem habe ein gewisser John P. Harrington erfunden, die Idee stamme von einer Gruppe von Ingenieuren der Westinghouse Electric and Manufacturing Company und die erhabene Arbeit habe die Smithsonian Institution von Washington geleistet. (&#8230;) Und ich sah einen Herrn in dunkelblauem Anzug, der mit anderen Herren in dunkelblauen Anz\u00fcgen bei der Grube stand, ich h\u00f6rte ein nachdenkliches Schweigen, kaum gest\u00f6rt vom Grollen der Untergrundbahn. Die Autos fuhren leise und ziemlich entfernt vor\u00fcber, denn Polizisten leiteten den Verkehr um und legten dabei einen Finger an die Lippen. Dann bewegte sich der Kran, neigte sich, als machte er eine Verbeugung, und geleitete die Zeit-Kapsel in die Grube. Langsam, feierlich sank die Kapsel hinein, und als sie unten war, trat der Herr im dunkelblauen Anzug vor und sprach diese Worte: M\u00f6gest du, Kapsel der Zeit, in Frieden schlafen. M\u00f6gest du in f\u00fcnftausend Jahren wieder erwachen. M\u00f6ge dein Inhalt gefunden werden und eine gute Gabe f\u00fcr unsere fernen Nachfahren darstellen. Er sprach diese Worte, und gleich darauf st\u00fcrzte der Zementguss auf die Kapsel nieder, schwer wie die Zeit, in der wir leben, verzehrend wie die Zukunft, in die wir eintreten.\u00ab (Oriana Fallaci, <a href=\"https:\/\/www.merkur-zeitschrift.de\/artikel\/flirt-mit-astronauten-a-mr-21-2-190\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wenn die Sonne stirbt<\/a>: Eine Frau begegnet d. Pionieren d. Astronautik. Econ Verlag, 1966).<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der homo sapiens sapiens des 21. Jahrhunderts lebt in einer Zeit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die einen denken, wenn \u00fcberhaupt, allenfalls bis zum n\u00e4chsten Tag, und andere bis an den Rand des mess- und sichtbaren Universums und ans \u00bbEnde aller Tage\u00ab. Der raumzeitliche Weitblick, oder aber auch sein Gegenteil, die atemlose Kurzsichtigkeit, sind Qualit\u00e4tsmerkmale einer jeden Gesellschaft und geben Hinweise auf das vorhandene Ma\u00df an Entropie und Verantwortungsbewusstsein beziehungsweise Verantwortungslosigkeit. Die besch\u00e4mende, sich von Wahl zu Wahl und von Quartal zu Quartal hangelnde Kurzatmigkeit gegenw\u00e4rtiger Entscheidungstr\u00e4ger offenbart nur das fraktale Abbild einer besch\u00e4menden Gesellschaft. Einer raubgierigen und pl\u00fcndernden Gemeinschaft, die blind ist f\u00fcr die l\u00e4ngerfristigen Ergebnisse ihrer Handlungen und ihrer Untaten. Noch herrscht eine herrschende Klasse hysterischer J\u00e4ger und Sammler zuf\u00e4lliger Tagesmehrheiten und -renditen, die zum eigenen kurzfristigen Vorteil stets die Zukunft beleihen, ohne aber hierf\u00fcr die pers\u00f6nliche Verantwortung zu \u00fcbernehmen, die wie Kleinkinder nur das Hier und Heute kennt, die freudig gluckst, wenn eine wankelm\u00fctige Presse sie lobt, und die \u2013 aller Lippenbekenntnisse zum Trotz \u2013 kein bisschen an den (langfristigen) Folgen ihrer Taten oder feigen Unterlassungen interessiert ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Kurzzeitaktionismus triumphiert. Die Zeit wird immer k\u00fcrzer getaktet. Mobiltelefon, E-Mail, Internet und KI lassen Zeit-R\u00e4ume zusammenschrumpfen zum jetzt und gleich und \u00fcberall. Nachdenken und sch\u00f6pferische Gelassenheit kommen buchst\u00e4blich unter die R\u00e4der dieser Raserei. Es geht offensichtlich nur noch darum, alles schneller und noch schneller zu erledigen, bis wir selbst erledigt sind. Dabei bleibt nat\u00fcrlich die inhaltliche Frage, was es \u00fcberhaupt zu erledigen gibt, und wie sinnvoll dies ist, auf der Strecke. Mit dem Brett vorm Kopf l\u00e4sst sich eben nicht weit blicken. Durch Kurzfristigkeit geht Zukunft verloren, und das hei\u00dft nichts anderes als die F\u00e4higkeit, seinen freien Willen zu nutzen (Karlheinz A. Gei\u00dfler, Zeitforscher und Wirtschaftsp\u00e4dagoge).<\/span><\/p>\n<p class=\"\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; color: #000000;\">Die meisten Menschen kennen \u2013 zumindest ansatzweise \u2013 die Vergangenheit, jedenfalls ihre eigene. Sie leben in der Gegenwart, und kommen darin mehr oder weniger gut zurecht. Doch was sie \u2013 seit allen Zeiten \u2013 wirklich interessiert \u2013 und sowohl fasziniert als auch \u00e4ngstigt, das ist die n\u00e4here und fernere Zukunft. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch die Zukunft ist volatil, einfach da, und meistens unberechenbar. Einerseits ist sie von langweiliger Routine gepr\u00e4gt. Denn die n\u00e4chste und nahe Zukunft ist nicht viel anders als das Heute. Und gr\u00f6\u00dftenteils auch das Gestern. Wenn man sich etwa innerhalb des Zeitraums einer Dekade zur\u00fcckerinnert. Und dennoch kann die Welt morgen fr\u00fch schon ganz anders aussehen als die Welt heute Abend. Aus dieser Ungewissheit r\u00fchren Reiz und Neugier, das Morgen und \u00dcbermorgen vorhersehen zu wollen. Sie sind seit den Zeiten des Orakels von Delphi oder der etruskischen und r\u00f6mischen Haruspices stets \u00fcberm\u00e4chtig gewesen. Zu allen Zeiten hielten sich Herrscher Astrologen und Hellseher, um entweder ihre Rivalen zu \u00fcbervorteilen oder, um bessere Entscheidungen zu treffen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Prinzipiell wei\u00df der Mensch nichts \u00fcber die Zukunft. Wie schnell sich die Dinge \u00e4ndern k\u00f6nnen, zeigten in letzter Zeit beispielsweise der unvorhergesehene Sturz Assads in Syrien Anfang Dezember 2024. Niemand hatte offensichtlich erwartet, dass sein Regime so schnell st\u00fcrzen k\u00f6nne. Auch den Sieg der afghanischen Taliban am 15. August 2021, dem der \u00fcberst\u00fcrzte Abzug der NATO folgte, hatte angeblich niemand auf der Rechnung. Selbst die Geheimdienste nicht, wenn man ihren \u00c4u\u00dferungen vertraut. Dasselbe hie\u00df es hinsichtlich der russischen Invasion der Ukraine am Morgen des 24. Februar 2022. So gibt es stets \u00dcberraschungen in der Zukunft, die man \u00fcberhaupt nicht prognostizieren kann oder prognostiziert hat. Nicht umsonst wurde Nassim Taleb die Metapher der schwarzen Schw\u00e4ne f\u00fcr g\u00e4nzlich unerwartete Ereignisse eingef\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch wenn jeder Mensch gerne \u00fcber die Zukunft verf\u00fcgen w\u00fcrde und sich vorstellt, wie die Dinge in einem, in f\u00fcnf oder in zehn Jahren sein werden, sind sie doch hoch kontingent. Das hei\u00dft, all diese Dinge sind m\u00f6glich, aber sie sind nicht notwendig. Der gro\u00dfe Philosoph des kritischen Rationalismus, Karl R. Popper, stellte ern\u00fcchtert fest, dass wir nur die n\u00e4chste und die fernste Zukunft einigerma\u00dfen sicher vorhersagen k\u00f6nnen: die allern\u00e4chste Zukunft werde wahrscheinlich so \u00e4hnlich sein wie die Gegenwart, und die fernste Zukunft ist das Ende von allem. Was dazwischen liegt, ist das, was uns eigentlich interessiert, und das l\u00e4sst sich nun gerade kaum vorhersagen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Um sich dennoch dem Kommenden anzun\u00e4hern, wurden in der Trend- und Zukunftsforschung die unterschiedlichsten Methoden und Werkzeuge zur Analyse, Interpretation und Prognose von gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Entwicklungen ersonnen. Viele davon sind jedoch ideologisch kontaminiert. Wenn der politisch-ideologische Wunsch, bei gleichzeitiger Missachtung der erfahrenen und wahrnehmbaren Wirklichkeit, der Vater des Gedankens ist, wird das zwangsl\u00e4ufig zu falschen Ergebnissen f\u00fchren. Beste, negative Beispiele hierf\u00fcr sind die Vorhersagen zum Klimawandel.<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Frankfurter Rundschau (<a href=\"https:\/\/www.fr.de\/panorama\/biologe-mark-benecke-auswirkungen-sommer-wetter-deutschland-klimawandel-temperaturen-prognose-92879758.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">FR<\/a>) berichtete am 10.03.2024: \u203aDer Biologe und Autor Doktor Mark Benecke hat vor extremen Temperaturen im Sommer 2024 gewarnt. \u00bbIch kann Ihnen aus den Erfahrungen der letzten Jahre mit fast v\u00f6lliger Sicherheit [\u2026] sagen, dass wir den H\u00f6llensommer des Jahrhunderts und Jahrtausends kriegen werden\u00ab, sagte der 53-J\u00e4hrige w\u00e4hrend eines Vortrags in Bonn am Mittwoch\u2039 (06.03.2024). \u00bbDie Erde fackelt ab\u00ab, warnte er vor dem Klimawandel.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Klima ist, nach Definition der World Meteorological Organization<\/span> (<a class=\"\" href=\"https:\/\/wmo.int\/topics\/weather\">WMO<\/a>) <span style=\"color: #000000;\">der in der Regel \u00fcber einen Zeitraum von 30 Jahren gemessene Durchschnittszustand des Wetters (als physikalischer Zustand der Atmosph\u00e4re) an einem bestimmten Ort \u2013 etwa in Bezug auf Temperatur, Niederschlag, Wind, Luftdruck und Bew\u00f6lkung. Das Wettergeschehen ist chaotisch nicht-linear. Das bedeutet, dass kleine Unterschiede in den Anfangsbedingungen zu v\u00f6llig unterschiedlichen Wetterverl\u00e4ufen f\u00fchren k\u00f6nnen. Zwar sind Wettervorhersagen in der Kurzfristprognose (z.B. f\u00fcr die n\u00e4chsten 24 bis 72 Stunden) in der Regel zuverl\u00e4ssig \u2013 moderne Modelle und umfangreiche Daten erm\u00f6glichen oft eine Genauigkeit von 80 bis 90\u202fProzent bei wichtigen Parametern wie Temperatur und Niederschlag. Doch mit zunehmendem Vorhersagezeitraum (mittelfristig oder langfristig) steigt die Unsicherheit aufgrund der chaotisch nicht-linearen Dynamik der Atmosph\u00e4re. Das bedeutet, dass Prognosen f\u00fcr Zeitr\u00e4ume von mehreren Tagen bis Wochen weniger pr\u00e4zise werden und vor allem extreme oder kleine Wettereignisse schwer vorherzusagen sind. \u00bb<em>Der Hauptantrieb des Klimasystems der Erde ist die eintreffende Sonnenstrahlung<\/em>\u00ab<\/span> (<a class=\"\" href=\"https:\/\/www.dwd.de\/DE\/klimaumwelt\/klimawandel\/ueberblick\/ueberblick_node.html\">Deutscher Wetterdienst<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><em>\u00bbKeine Generation darf zugunsten zuk\u00fcnftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird\u00ab<\/em> (Karl Popper)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Statt aus den Eingeweiden von Opfertieren Weissagen zu treffen oder im Kaffeesatz zu lesen, sollte man die Gestaltung der Zukunft selbst in die Hand nehmen, lautet ein vern\u00fcnftiger Ansatz. \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Die beste Methode die Zukunft vorherzusagen<\/span>\u00ab, schlug der US-amerikanische Informatiker Alan Curtis Kay vor, bestehe darin, sie zu erfinden. In die gleiche Kerbe schlug der US-\u00d6konom Peter F. Drucker. Der einflussreiche Pionier der modernen Managementlehre (z.B. \u00bbManagement by Objectives\u00ab) meinte: \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selbst zu kreieren<\/span>.\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Doch das gelingt nur selten im Sinne \u00fcberspannter Ideologen mit Gotteswahn. Denn was nachweislich nicht funktioniert, wie zahlreiche misslungene Gesellschafts- und Politexperimente bis in die Gegenwart hinein oft blutig zeigten, das sind ausgedachte, am zerebralen Rei\u00dfbrett entworfene komplexe Konstruktionen, Utopien jeder Art: das Utopia des Thomas Morus, die Idee des idealen Sonnenstaats eines Tommaso Campanella, die Utopien des Kommunismus und Sozialismus, Planwirtschaft, das \u00d6kotopia von Ernest Callenbach und die gro\u00dfe Transformation eines Robert Habeck sowie der Great Reset des Klaus Schwab. Nichts davon funktionierte, funktioniert oder wird je funktionieren. So wichtig und n\u00f6tig diese Gedankenexperimente auch sind \u2013 als Science-Fiction-Romane, so eindringlich hat auch kein geringerer als Karl Popper darauf verwiesen, dass sie jeweils aus logischen Gr\u00fcnden zum Scheitern verurteilt sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Wieder war es Karl Popper, der darauf verwies, dass, wer eine Utopie anstrebt, immer ein Experiment im Gro\u00dfen macht, ein Experiment mit ungewissem Ausgang und \u2013 ein Experiment mit Menschen. Er zeigte, weshalb solche Menschenexperimente nie gelingen k\u00f6nnen:<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-weight: 800;\">1.<\/span> Komplexe Dinge kann man nicht konstruieren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-weight: 800;\">2.<\/span> Wir wissen nie im Voraus s\u00e4mtliche Folgen, die unser Handeln haben kann.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-weight: 800;\">3. <\/span>Das Wissen von morgen k\u00f6nnen wir nicht schon heute haben.<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; color: #000000;\">Popper weist in (1) auf die Selbstverst\u00e4ndlichkeit hin, dass sich sowohl geistig als auch materiell komplexe Dinge nicht j\u00e4h und abrupt, sondern erst \u00fcber lange, sich oft \u00fcber Jahrhunderte (oder Jahrtausende) erstreckende Zeitr\u00e4ume, evolution\u00e4r entwickelten. Ob technisch \u00bbeinfache Gegenst\u00e4nde\u00ab wie ein K\u00fchlschrank, ein Radio, ein \u00dcberschallflugzeug, eine Weltraumstation oder aufw\u00e4ndigere, etwa eine Sprache, Staatsverfassungen, eine Wirtschafts- oder Gesellschaftsordnung: Es ist noch keinem gelungen, von solchen Dingen einfach auf dem Rei\u00dfbrett einen Plan zu entwerfen und dann in einem einzigen Schritt, in einem einzigen gelungenen Wurf, fehlerfrei fertigzustellen. Jede Komplexit\u00e4t ist an mannigfache Vorbedingungen gekn\u00fcpft und kann immer nur in evolution\u00e4ren Prozessen von Konstruktion und Fehlerkritik, Versuch und Irrtum, realisiert werden. So ist es denkunm\u00f6glich, dass ein R\u00f6mer, etwa des 2. Jahrhunderts h\u00e4tte laut Heureka! rufend, beschlie\u00dfen k\u00f6nnen, die Concorde zu bauen. Dazu h\u00e4tten ihm alle notwendigen Grundlagen gefehlt. Grundlagen wie die Gesetze der Klassischen Mechanik (Newtonsche Gesetze), Energieerhaltungssatz, Aerodynamik, Hydraulik, Werkstofftechnik, Antrieb (Motor, Triebwerk, Treibstoff), Navigation, Anzeigeinstrumente, Avionik usw. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr politische Gro\u00dfkonstruktionen (Sozialismus, Energiewende, Great Reset). Daher sollte es ein Grundsatz sein, forderte Popper, Pl\u00e4ne immer dann, wenn sehr viele Menschen davon betroffen sind, wenn \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Menschenleben oder das Gl\u00fcck der Menschen gef\u00e4hrdet werden<\/span>\u00ab, m\u00f6glichst nur in kleinen, notfalls umkehrbaren Schritten vorzunehmen und nie Experimente im Gro\u00dfen zu wagen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Kraftwerke stillzulegen und unwiderruflich zu zerst\u00f6ren, ohne angemessen funktionierenden Ersatz zu haben, ist gemeingef\u00e4hrliches Gl\u00fccksrittertum, aber keine verantwortungsbewusste Politik. Dasselbe gilt, f\u00fcr eine bestenfalls theoretisch vorhandene Wasserstofftechnologie die Infrastruktur einer bew\u00e4hrten Technologie, z.B. das sich \u00fcber mehr als 600.000 Kilometer erstreckende deutsche Erdgasnetz aus dem Boden zu rei\u00dfen. Ebenso illusorisch und von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind die Pl\u00e4ne ideologisierter Sozialingenieure, homogene Gesellschaften in Multiminderheitengesellschaften zerspalten zu wollen. Sie nennen es dann Diversit\u00e4t, \u00bb<em>bunt statt braun<\/em>\u00ab usw. Der SDS- und APO-Aktivist sowie sp\u00e4tere Gr\u00fcnen-Politiker Daniel Cohn-Bendit ahnte indessen schon 1991: \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Die multikulturelle Gesellschaft ist hart, schnell, grausam und wenig solidarisch, sie ist von betr\u00e4chtlichen sozialen Ungleichgewichten gepr\u00e4gt und kennt Wanderungsgewinner ebenso wie Modernisierungsverlierer; sie hat die Tendenz, in eine Vielfalt von Gruppen und Gemeinschaften auseinanderzustreben und ihren Zusammenhalt sowie die Verbindlichkeit ihrer Werte einzub\u00fc\u00dfen<\/span>\u00ab (<\/span><a class=\"\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1991\/48\/wenn-der-westen-unwiderstehlich-wird\">DIE ZEIT<\/a> <span style=\"color: #000000;\">Nr. 48\/1991, 22.11.1991).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Weder trivial und auch mehr als Binsenweisheiten sind die Punkte (2) und (3). Die Lebenspraxis zeigt, dass bestenfalls vom Dunning-Kruger-Effekt befallene Menschen glauben k\u00f6nnen, vollst\u00e4ndig zu wissen, was sie tun. Dar\u00fcber hinaus muss derjenige, der die Zukunft plant, Prognosen wagen, aber er kann unm\u00f6glich zuk\u00fcnftiges Wissen vorhersagen, und so muss er in seinem Plan das heutige, unvollst\u00e4ndige und vor\u00fcbergehende Wissen festschreiben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Utopien m\u00fcssen, soweit sie sich \u00fcber diese drei S\u00e4tze hinwegzusetzen versuchen \u2013 und das ist leider meistens der Fall \u2013 als waghalsige Gro\u00dfexperimente mit Menschenleben angesehen werden, deren Ausgang niemand vorhersagen kann.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Versch\u00e4rft wird dieses hohe politische Risiko durch den Umstand, dass man nicht gleich, sondern erst sehr sp\u00e4t sehen wird, ob man das Richtige getan hat, n\u00e4mlich erst in ferner Zukunft, eventuell erst nach einigen Generationen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Aus dieser Utopie- bzw. Ideologiekritik folgerte Popper: \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Das Elend ist konkret, die Utopie abstrakt<\/span>.\u00ab Und: \u00bb<span style=\"font-style: italic;\">Keine Generation darf zugunsten zuk\u00fcnftiger Generationen geopfert werden, zugunsten eines Ideals, das vielleicht nie erreicht wird.<\/span> (\u2026)\u00ab Jede Generation habe den gleichen Anspruch auf ein ertr\u00e4gliches Leben, und da wir immer irren k\u00f6nnen, k\u00f6nne es leicht sein, dass die Utopisten einer Generation Lasten aufzw\u00e4ngen oder sogar Menschen opferten, ohne dass es der nachfolgenden Generation dann tats\u00e4chlich besser ginge.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Trend- und Zukunftsforschung sind interdisziplin\u00e4r und kombinieren Erkenntnisse aus der Geschichte, der Soziologie und Politikwissenschaft, aus \u00d6konomie, Technologie, \u00d6kologie, Psychologie und Massenkommunikation. Auf dieser Grundlage erstellt der als Verein organisierte Thinktank<\/span> <a class=\"\" href=\"https:\/\/aeon-z.org\">\u00c6ON-Z e.V.<\/a> <span style=\"color: #000000;\">zusammen mit dem Onlinemedium \u00bbInfodienst Futurmedia\u00ab realit\u00e4tsbezogene Zukunfts-Einsch\u00e4tzungen sowie insbesondere m\u00f6gliche bzw. notwendige Zukunftsszenarien (z.B. optimistisch, pessimistisch, Status quo).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Abschlie\u00dfend gilt: Trend- und Zukunftsforschung sind keine exakten Wissenschaften, sondern Disziplinen, die Unsicherheiten und Komplexit\u00e4ten in m\u00f6glichen Entwicklungen analysieren und Zukunftsszenarien entwerfen. Sie bieten keine absoluten Sicherheiten, sondern Grundlagen, um Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Sie sind am zuverl\u00e4ssigsten, wenn sie als Werkzeuge zur Erkennung von M\u00f6glichkeiten, Risiken und Chancen genutzt werden, statt als exakte Vorhersagen der Zukunft. Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke sollte in der F\u00e4higkeit liegen, Menschen und Organisationen auf verschiedene Szenarien vorzubereiten und deren strategische Resilienz zu f\u00f6rdern.<\/span><\/p>\n<p class=\"\" style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><small><span style=\"color: #000000;\"><strong>Quellennachweis:<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\">Hans-Joachim Niemann (Bamberg), Die Utopiekritik bei Karl Popper und Hans Albert, aus:<\/span> <a class=\"\" href=\"https:\/\/www.gkpn.de\/auk1_94.pdf\">Aufkl\u00e4rung und Kritik Nr. 1<\/a>, <span style=\"color: #000000;\">S. 57-64, N\u00fcrnberg 1994, (Gesellschaft f\u00fcr kritische Philosophie)<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\">Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), T\u00fcbingen; 5., verbesserte Auflage, 1979<\/span><\/small><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00a9 \u203aInfodienst fut\u016brum\u2039. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zukunft liegt nicht im Dunkeln, aber sie d\u00e4mmert ungewiss hinter manchen Nebelw\u00e4nden. Und heutzutage \u2013 im Spannungsfeld zwischen Irrationalismus, Wahn und Singularit\u00e4t, zwischen Gewalt und Galaxien eingezw\u00e4ngt, ist sie ungewisser, denn je. Einst war sie ein Versprechen, heute \u2013 f\u00fcr viele Menschen \u2013 eine Drohung. Es sind dies Zeilen aus einer Epoche des Aufbruchs&nbsp;&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":515240,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[288],"tags":[],"class_list":["post-515220","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-zukunft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/515220","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=515220"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/515220\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":630911,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/515220\/revisions\/630911"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/515240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=515220"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=515220"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/infodienst.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=515220"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}