{"id":1108613,"date":"2025-11-18T17:29:46","date_gmt":"2025-11-18T16:29:46","guid":{"rendered":"https:\/\/infodienst.info\/?p=1108613"},"modified":"2025-11-23T17:31:57","modified_gmt":"2025-11-23T16:31:57","slug":"vom-nobelglanz-zum-stillstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/infodienst.info\/?p=1108613","title":{"rendered":"Vom Nobelglanz zum Stillstand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Nobelpreis-Runde 2025 offenbarte einmal mehr die Bandbreite menschlicher H\u00f6chstleistungen: Von bahnbrechenden Entdeckungen in der Immunologie \u00fcber Quantentechnologie bis hin zu literarischen Visionen und mutiger politischer \u00dcberzeugung. In der Medizin wurden Mary E. Brunkow, Fred Ramsdell und Shimon Sakaguchi f\u00fcr ihre Forschungen zur Immuntoleranz ausgezeichnet, deren Erkenntnisse k\u00fcnftig Autoimmunerkrankungen, Transplantationen und Krebsbehandlungen ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Der Chemiepreis ging an Susumu Kitagawa, Richard Robson und Omar Yaghi \u2013 ihre Entwicklung metallorganischer Ger\u00fcstverbindungen ebnet neue Wege, z.B. zur Wassergewinnung aus trockener Luft und zur CO\u2082-Abscheidung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die \u203aTagesschau\u2039 <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wissen\/forschung\/nobelpreis-physik-168.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berichtete<\/a>\u00b9 am 07.10.2025: \u00bb<em>Durch W\u00e4nde gehen, tot und lebendig gleichzeitig sein, quasi telepathisch kommunizieren, egal \u00fcber welche Distanz. Was nach Science-Fiction klingt, ist die reale Welt der Quantenteilchen. Dass auch gr\u00f6\u00dfere, f\u00fcr uns erfassbare Systeme diesen seltsamen Regeln folgen k\u00f6nnen, zeigten die drei Physiker John Clarke, Michel H. Devoret und John M. Martinis<\/em>.\u00ab Sie erhielten den Physik-Nobelpreis 2025 f\u00fcr die Entdeckung des makroskopischen quantenmechanischen Tunnelns und der Energiequantisierung in einem elektrischen Schaltkreis. \u2013 In den 1980er-Jahren bauten sie supraleitende Kreise (unter anderem mit Josephson-Junctions) und zeigten, dass quantenmechanische Ph\u00e4nomene \u2013 wie das Durchtunneln (\u00bbTunnelling\u00ab) und diskrete Energiezust\u00e4nde (\u00bbenergy quantisation\u00ab) \u2013 nicht nur auf atomarer Skala, sondern auch in Systemen beobachtet werden k\u00f6nnen, die gro\u00df genug sind, um k\u00f6rperlich greifbar zu sein.<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1539\" src=\"https:\/\/aeon-z.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Nobelpreise-DE-1901-2024-final-1.png\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"720\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>Die Zahl deutscher Nobelpreistr\u00e4ger erreichte in den 1920er-Jahren ihren H\u00f6hepunkt. Doch vom Glanz vergangener Zeiten ist wenig geblieben: Nach einer Bl\u00fctezeit um 1920 und 1950 sinkt die Zahl der Nobelpreise f\u00fcr Deutsche kontinuierlich. Deutschland hat seine wissenschaftliche Tradition nicht verloren \u2013 aber die Rahmenbedingungen f\u00fcr bahnbrechende Entdeckungen haben sich verlagert. Heute pr\u00e4gen strukturelle Tr\u00e4gheit, internationale Konkurrenz und ein Mangel an Risikofreude das Bild, w\u00e4hrend die Nobelpreise zunehmend global verteilt werden.<\/small><\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Deutschlands Nobelpreis-\u00c4ra scheint vorbei zu sein<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der letzte Nobelpreis, den ein Deutscher bislang (2025) erhielt, wurde im Jahr 2021 vergeben: Der Chemiker Benjamin List (geb. 1968) wurde damals f\u00fcr die Entwicklung der asymmetrischen Organokatalyse mit dem Nobelpreis f\u00fcr Chemie ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt Klaus Hasselmann (geb. 1931), Meteorologe und Klimatologe aus Deutschland, gemeinsam mit Syukuro Manabe und Giorgio Parisi den Nobelpreis f\u00fcr Physik f\u00fcr bahnbrechende Beitr\u00e4ge zum Verst\u00e4ndnis des Klimas und der Klimaerw\u00e4rmung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcber ein Jahrhundert lang galt Deutschland als Wiege der Nobelpreise. Namen wie Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen, Robert Koch, Max Planck, Albert Einstein, Otto Hahn, Werner Heisenberg oder Christiane N\u00fcsslein-Volhard pr\u00e4gten das Bild eines Landes, das in Physik, Chemie und Medizin Weltma\u00dfst\u00e4be setzte. Doch die goldene Zeit liegt weit zur\u00fcck: Seit den 1980er-Jahren sinkt die Zahl der deutschen Nobelpreistr\u00e4ger drastisch. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, warum.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Zerst\u00f6rung und Vertreibung: Der Verlust einer Elite<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die gro\u00dfen Br\u00fcche des 20. Jahrhunderts trafen die deutsche Wissenschaft ins Mark. Schon in den 1930er-Jahren vertrieb das NS-Regime viele j\u00fcdische und regimekritische Forscher \u2013 darunter einige der kl\u00fcgsten K\u00f6pfe ihrer Generation. Der Zweite Weltkrieg tat sein \u00dcbriges: Universit\u00e4ten lagen in Tr\u00fcmmern, Forschungsinstitute wurden aufgel\u00f6st oder politisch gleichgeschaltet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Folge: ein massiver \u00bbBrain-Drain\u00ab, der die USA und Gro\u00dfbritannien zu den neuen wissenschaftlichen Zentren machte. Viele der sp\u00e4teren Nobelpreistr\u00e4ger mit deutschen Wurzeln forschten l\u00e4ngst im Exil.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Der Wiederaufbau \u2013 solide, aber nicht vision\u00e4r<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In den 1950er- und 1960er-Jahren entstand in der Bundesrepublik ein respektables Wissenschaftssystem, getragen von Institutionen wie der Max-Planck-Gesellschaft und der DFG. Doch w\u00e4hrend Deutschland auf Breite und Solidit\u00e4t setzte, entwickelten die USA ein System, das Einzelne und Exzellenz f\u00f6rderte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Nobelpreise werden selten f\u00fcr Flei\u00df oder Organisation vergeben \u2013 sondern f\u00fcr mutige Ideen, die bestehende Paradigmen sprengen. Und genau diese Risikofreude wurde in Deutschland zunehmend durch B\u00fcrokratie, Hierarchien und Vorsicht gebremst.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Wissenschaft im Wandel: Vom Genie zum Team<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Ein weiterer Grund liegt in der Ver\u00e4nderung der Forschungslandschaft selbst. Der Nobelpreis belohnt herausragende Einzelleistungen \u2013 doch die moderne Wissenschaft funktioniert anders.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Gro\u00dfe Entdeckungen entstehen heute oft in internationalen Teams mit hunderten Beteiligten. Deutsche Forscher sind daran h\u00e4ufig beteiligt, tauchen aber seltener als Hauptverantwortliche auf. So zeigt sich: Deutschland forscht mit \u2013 aber nicht immer im Rampenlicht.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Zwischen F\u00f6rderung und Fessel: Strukturelle Probleme<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Karrierestrukturen an deutschen Universit\u00e4ten gelten als veraltet. Lange Qualifikationsphasen, unsichere Perspektiven und hoher Verwaltungsaufwand hemmen den wissenschaftlichen Nachwuchs. Viele Talente zieht es ins Ausland, wo Freiraum, F\u00f6rderung und Gehalt attraktiver sind.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Hinzu kommt: F\u00f6rdergelder flie\u00dfen lieber in Bew\u00e4hrtes als in wagemutige Projekte. Das sichert Stabilit\u00e4t \u2013 aber selten bahnbrechende Erkenntnisse.<\/span><\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Ein Land der Forscher, nicht der Nobelhelden<\/span><\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Deutschland bleibt ein Land der Wissenschaft, mit starker Grundlagenforschung, internationalem Ansehen und technischen Innovationen. Doch die \u00c4ra, in der Deutsche regelm\u00e4\u00dfig Nobelpreise erhielten, ist vorerst vorbei.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Glanz ist nicht ganz erloschen \u2013 aber er leuchtet heute anders: kollektiver, internationaler, weniger heroisch. \u00dcbrigens: Das Durchschnittsalter der Nobelpreistr\u00e4ger zum Zeitpunkt Ihrer Auszeichnung lag bzw. liegt bei etwa 59 Jahren. Daraus lassen sich durchaus Schl\u00fcsse zu ihren Geburtsdaten sowie dem Umfeld ihrer Sozialisation und der schulischen Bildungslandschaft ziehen, in der sie aufwuchsen. Das ist nur eine m\u00f6gliche Korrelation, noch keine Kausalit\u00e4t. Oder vielleicht doch &#8230;?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 8pt; color: #000000;\"><small>\u00b9Von Quantenteilchen, die Barrieren durchbrechen, ARD-aktuell \/ tagesschau.de, 07.10.2025.<br \/>\n\u00a9 \u00c6ON-Z e.V. Thinktank. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Nachdruck und Weitergabe an Dritte untersagt.<\/small><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nobelpreis-Runde 2025 offenbarte einmal mehr die Bandbreite menschlicher H\u00f6chstleistungen: Von bahnbrechenden Entdeckungen in der Immunologie \u00fcber Quantentechnologie bis hin zu literarischen Visionen und mutiger politischer \u00dcberzeugung. In der Medizin wurden Mary E. 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